Židovská ročenka pre Slovensko
- Journal
- Židovská ročenka pre Slovensko
- Volume
- 5700 (1940)
- Date
- 1940-01-01
- Page
- Seite 157 (sequence 191)
- Language
- German
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geißelt und gräulich Leid verursacht — es rührt sie ganz und gar nicht. Unser Jauchzen, unser Jammern, unser Wonnequietschen, unser Wehklagen: sie hören es nicht. Eingewattet, hinter schalldichten Mauern, sind sie von uns abgeriegelt, von unserem Flennen und Frohlocken, von unserem Wagen und Verzagen, von Zuversicht und Verzweifeln unserer Großwelt. Von der Welt der Hörredigen. Zwischen unserem Planeten und dem Planeten der Taubstummen ragt ein Wall, da hindurch dringt kein Schall. ...was hab' ich gesagt? „Unser" Hoffen? „unser" Verzweifeln? „Unser" Freud? „Unser" Leid? „Unser" Obsiegen? „Unser" Darniederliegen? Ja, da hab' ich, unversehens, in die Taubstummensprache mich hineingeredet... Die Taubstummen nämlich empfinden uns, die wir hören und reden, sie empfinden unsere Großwelt als eine ganze, spaltlose Einheit. Als eine einzige Familie! Wie sie selber eine bilden! Lauter Liebe, Eintracht, Nachsicht. Du lieber Taubstummer! weißt du denn nicht, wie es bei uns aussieht? Was einer von uns erhofft, das fürchtet der andere! Was einen erfreut, das betrübt den andern! Was einen dünkt, der Himmel zu sein, davor graut einem andern wie vor höllischer Pein! Was einer anbetet, das verschmäht und besudelt der andere! Was einer erbaut, das zertrümmert der andere! Was einem wunschträumerisch vorgaukelt, schillernd und schäkernd, das ist dem andern Scheusal und Albdruck, ein Verwünschtraum. Weisst du das nicht? Weisst du nicht, daß wir aufgeteilt sind, eingeteilt, verteilt und zersplittert in tausend Trümmerhäuflein, ein jedes für sich, jedes gegen das andere, alle gegen alle! Weisst du das nicht? Nein. Er weiß es nicht. Zwischenmenschliche Beziehungen und Verhalte kann er sich nicht anders ausmalen, als die Beziehungen und Verhalte unter ihresgleichen, unter Taubstummen. Wann immer sie zusammenkommen, zufällig oder verabredetermaßen, wo immer: auf der Straße oder in einem Lokal, immer lächeln sie einander an, freundlich, lieblich und labsam. Gibt es Zwist und Hader, Mißgunst und Haß unter ihnen? Zwietracht, Heimtücke und Ränke? Lärm, Krach? — die bloße Vorstellung ist absurd, abwegig! Wie können wir so was auch nur fragen? Wir können uns halt nicht losmachen von unseren tolpatschig trampeltierischen Korrelationsbegriffen. Wir können uns nicht vorstellen eine Welt, wo es das nicht gäbe: Gepolter, Scheppern, Schelten und Schimpfen, Gebrüll und Gedresche, Fehde und Fluch. Wir können uns nicht vorstellen eine Welt, die nicht gemein und garstig, niederträchtig und missetätig, verlogen und verludert, barsch und brutal, schroff 157