Židovská ročenka pre Slovensko
- Journal
- Židovská ročenka pre Slovensko
- Volume
- 5700 (1940)
- Date
- 1940-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 188)
- Language
- German
- Belongs to
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eine entwürdigend tiefe Stufe herabgedrückt wurde — Talmud und Kodifikatoren stellen es in den meisten Belangen dem Sklaven, oft auch dem unmündigen Kinde gleich —, die jüdische Frau, die in einem doppelten Ghetto lebte, strebte nun, als die Mauern fielen, begreiflicherweise mit doppelter Lebenslust und Energie in ein freieres und sonnigeres Milieu. So wurde sie solcherart die eigentliche Trägerin der Assimilation. Auch in geistiger Hinsicht galt sie als unmündg. „Seine Tochter Thora lehren", sagt der Talmud, „bedeute ihr Albernheiten und Trivialitäten beibringen." Tiflut heißt es im Talmud. Unsere Mütter schickten sich demütig in die Rolle der geistigen Parias, für die es allezeit und unwiderruflich ein Jagdverbot im Revier des Geistes bestand. Gleichwohl bäumte sich instinktiv und unbewußt die verletzte Menschenwürde gegen diese empörende Deklassierung auf. Nun, sie haben unterdes ausgiebige Rache geübt. Sie drehten den Spieß um, sie lesen heutzutage mit einer solchen Gier allerhand alberne und triviale Bücher, als ob es um das Studium ihrer eigenen Kultur und Literatur ginge. Das hebräische Buch ist von diesem Stromkreise ausgeschaltet. Selbst diejenigen Männer und Frauen, die hebräisch sprechen, vernachlässigen ihre eigene Literatur und lassen das hebräische Buch im „Winkel liegen". Es ist dies eine auffallende Erscheinung; die Zahl der Hebräischsprechenden nahm in den letzten 20 Jahren stark zu, der Absatz des hebräischen Buches aber hat stetig abgenommen. In unserer Stadt werden seit 20 Jahren hebräische Kurse betrieben, viele Knaben und Mädchen absolvierten diese Kurse mit ganz gutem Erfolg. Gleichwohl ist der Bedarf an hebräischen Büchern gleich Null. Als wir Jungen waren, da gab es noch keine Kurse hier. Wir besuchten die Jeschiwah und an dieser Stätte ist die Pflege der hebräischen Sprache, so absurd es auch klingen mag, streng verpönt. Es fehlte uns der Lehrer und auch das Lehrbuch. Unser Stolz lehnte sich übrigens dagegen auf, als ausgewachsene Talmudjünger, als Jorehdeah-Hörer Hebräisch von vorne zu beginnen. Schwimmiektionen zu nehmen, nachdem man bereits seit Jahren im Meer des Talmuds herumschwamm. Wir verschmähten daher die Tempi zu lernen, die richtige Aussprache und korrekte Betonung war folglich den meisten von uns Hekuba. Einige besannen sich allmählich doch eines Besseren und griffen verstohlen nach dem Dikduk. In der Dämmerzeit, zu einer Stunde, wo es weder Tag noch Abend, saßen sie bei ihren Sprachbüchern, und wurden sie zufällig dabei angetroffen, so gebärdeten sie sich wie ertappte Taschendiebe. Gleichwohl stand das hebräische Buch, die hebräische Zeitung in hohen Ehren bei uns. Wir verschlangen förmlich die Bücher. Woher wir sie verschafften, ist mir bis heute noch ein Rätsel. Sie schienen denselben unterirdischen Weg 154