Židovská ročenka pre Slovensko
- Journal
- Židovská ročenka pre Slovensko
- Volume
- 5700 (1940)
- Date
- 1940-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 187)
- Language
- German
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JAKOB MAY (AVIV), BRATISLAVA: Das Volk des Buches Wir nennen uns das Volk des Buches: „Am Hasefer”. Bei keinem Volke siteht das Buch und der Geist in höherem Ansehen, als bei uns. Der Deutscharier Bleibtreu geißelt in seinem Werke „Geist” sein Volk und hält es ihm vor, daß der Gelehrte, der Künstler, der Schriftsteller nur noch in jüdischen Zirkeln hochgeschätzt wird. Die Juden, so schreibt er, haben noch den alten Respekt, den sie in ihren Ghettos den Rabbinern, den Trägem des Geistes dazumal, zollten, bewahrt. Bleibtreu hat die Quelle dieser Geistverehrung und Buchschätzung richtig erkannt. Noch sind die Quellen nicht versiegt. Der moderne Schriftsteller, dessen Werk in aller Mund ist, der Gelehrte, der Künstler, der Erfinder, die verhätschelten Lieblinge, die Idole der Salons und Fünfuhrtees, sie alle zehren noch vom Alten. Der jüdische Backfisch, der für seinen Lieblingsautor schwärmt und in fiebriger Spannung eine geschlagene Stunde am Ausgang des Vortragsaales wartet, um von ihm ein Autogramm zu erschmeicheln, sie ist das Glied einer langen, langen Kette. Es ist geistiges Erbgut, der Rest jener schwärmerischen Begeisterung, mit der die Urgroßmutter aus der Zeenereneh Erbauung und Belehrung schöpfte und der Urgroßvater einem scharfsinnigen halachischen Pilpul lauschte. Dichter und Backfisch mögen mir diese Demaskarade nicht verübeln. Jeder jüdische Kulturforscher wird dies bestätigen müssen. Wir sind das Volk des Buches auch in einem tieferen geschichtsphilosophischen Sinn des Wortes. Der Träger eines Buches. Ein Volk, dessen Schicksal und Struktur von einem Buche gestaltet und vorausbestimmt ward, dessen Kultur und Literatur in einem Buche wurzelt. Unsere ganze Literatur bis zum heutigen Tage quillt aus diesem Buch. Die Liebeslieder Bialiks haben in der Form und Syntax viel mehr Ähnlichkeit mit den Visionen Jesaias als die Gedichte Dehmels mit Klopfstocks Messias. Sind wir noch immer das Volk des Buches? Wir haben unsere einfache und einheitliche Linie aufgegeben. Wir sind noch immer die Träger des Buches, des Buches schlechthin. Nicht mehr des einen, des ewigen Buches, sondern des Buches in seiner vielfachen und verschiedenartigsten Form, leider auch des Eintagbuches. Der Hauptkonsument des modernen Buches und des fabrikmäßig hergestellten Kitsches ist der Jude, viel richtiger noch, die Jüdin. Unser Führer Ussischkin prägte einmal das tiefe Wort: Die Assimilation ist die Rache des jüdischen Weibes. Das jüdische Weib, das im Ghetto in sozial-juridischer und ethisch-religiöser Hinsicht auf 153