Židovská ročenka pre Slovensko
- Journal
- Židovská ročenka pre Slovensko
- Volume
- 5700 (1940)
- Date
- 1940-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 117)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/7957787-8905983--120-7957905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
des sogennanten Ritualmordes, wie gegen eine bewußt grundfalsche Lüge oft ohnmächtig. Jede Lehre des Judentums stand stets allen Völkern offen, wie Midrash und Talmud es betonen. Das Judentum hatte nie und hat keine Geheimlehren, das ganze System des Talmuds und der Tradition gründet sich ausschließlich auf die Regeln der Vernunft. Alle Vorschriften der jüdischen Religion sollen in erster Reihe kraft der menschlichen Vernunft begriffen und erfaßt werden, denn das Gesetz der Vernunft, die Halacha, bindet sogar Gott selbst, der vernunftlswidrige Befehle als ,,contradictum in se" nie erteilen könnte! Die Hauptlehre und Basis unseres ganzen Religionssystems lautet nach Hillel: .Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst" (Deut) und laut der talmudischen Agada lieferte der Prophet Arnos die Synthese der keiner Askese bedürftigen Religion mit dem kürzesten aller Gebote: „dirshuni vich'ju", „Begreifet mich mit Liebe und lebet". Ohne rationelles Begreifen vernunftsmäßiges, logisches Erkennen ist eben die Befolgung der Religionsgebote wertlos, und sklavische, blinde Heuchelei, nicht aber Gottesdienst. Das oberste Gebot der religiösen Observanz lautet deshalb: „da eth elöhe-ko", erkenne deinen Gott durch deine geistigen Fähigkeiten, durch Anspannung deiner Vernunft. Die Souveränität des logischen vernunftsmäßigen Gesetzes allein findet ihre Anerkennung im jüdischem Schrifttum, denn die Kritik, das Nachgrübeln und Nachforschen nach Grund und Ursache, Zweck und Sinn ist bei jeder religiösen Vorschrift unerläßliches Gebot und Vorbedingung. Der Satz „Hagar shifchats Sarah" Hagar die Magd Sarah's, wurde so gedeutet, daß die Philosophie (arabische UTrersetzung der Schriften des Aristoteles) der Religion zu dienen habe! Die Scholastiker überzetzten: philosophia ancilla theologiae. Die Religiosität der Ungelehrten, des unwißenden „Am-haarez" ist wertlos und verachtet, denn seine religiöse Überzeugung kann niemals aus Vernunftsgründen erfolgen. Gott aber genügt nicht blinder Glaube, sondern Wissen und rationelles Begreifen der heiligen Lehren steht allen Gesetzen voran. Das jüdische Gotteshaus ist nicht nur Tempel, sondern das Beth Hamidrash, die Schule, das Lehrhaus! Ohne logisches Erfassen und Wissen gibt es eigentlich keine jüdische Religion, wie auch das Wort „Torah" Lehre und Wissenschaft bedeutet. „Talmud Torah k'neged JcuTlom". Gelehrtes, wissenschaftliches Durchdringen steht höher als alle Observanz. Die Souveränität des' Gesetzes wurde im Judentum unumstößlich, kompromißlos und für alle und ewige Zeiten als unveränderlich geachtet. Daher der starre jüdische Konservativismus. Es wurde als Erfordernis der von Gott geliehenen Vernunft betrachtet, daß diese gleich Gott selbst höchststehende quasi unbeugsame Gesetzes-Allmacht vom menschlichen Denkungsvermögen unabhängig und über jeden 101