Židovská ročenka pre Slovensko
- Journal
- Židovská ročenka pre Slovensko
- Volume
- 5700 (1940)
- Date
- 1940-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 111)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Charakteristisch ist auch für Bialik, sein sich in den letzten Jahren seines Lebens auferlegtes Schweigen. So wurde dieses Schweigen der Verbitterung Bialik's zugeschrieben, weil das Volk seinem Rufe nicht Folge geleistet habe. Carlebach deutet sein Schweigen dahin, daß „er schwieg um andere reden zu machen". Er wünschte, daß nicht nur seine, sondern auch die Werke der anderen jüdischen Dichter und Schriftsteller gelesen und gekauft werden sollten. Auch ließ ihn seine Verlegertätigkeit, hauptsächlich die Herausgabe der schon erwähnten jüdischen Werken keine Zeit für eigene Schöpfungen. Jedenfalls war es schade, daß er schwieg. Es hatte auch später der flammenden Aufmunterung, des donnernden Geiseins, aber auch des heilsamen Trostes Bialik's bedurft. Das Schweigen ist in Zeiten, in denen die dazu Berufenen zu sprechen haben, nicht am Platze. Dieses Schweigen muß objektiverweise zu den Fehlern Bialik's gerechnet werden. Denn Fehler besaß er benso, wie jeder Mensch. Bezeichnend für Bialik und dessen Einschätzung ist nur der Umstand, daß selbst seine Fehler als Ausfluß seiner Grösse erklärt und gewertet wurden. So schreibt Nahum Goldmann in dieser Beziehung: daß wir kleine Menschen vollkommen sein müssen, aber große Männer Fehler haben dürfen. Und Goldmann zieht die Folgerung, daß Bialik trotz seiner Fehler und mit ihnen, in der Totalität seines Wesens, ein großer Mensch war; was Goldmann höher einschätzt als Heiligkeit, als Vollkommenheit. Bialik fand auch den Weg zu unserer Jugend, was besonders wichtig ist. Er gewann die Jugend vor allem durch seine Liebe zu ihr. Er, der Kinderlose, fühlte sich mit Kindern gesegnet, denn alle, die seinem Wesen nahe waren, alle, die Gott, der Menschheit, dem Judentum im vollwertigen Wirken dienen, betrachtete er als seine Kinder! Er hatte keine Gelegenheit unterlassen seine Zusammengehörigkeit zur Jugend, seine Liebe und Interesse für die nationalen Jugendbewegungen zu manifestieren. Bei einer polnischen Schomer-Konferenz sprach er zu der aufhorchenden Jugend: „Ich habe aufmerksam Eure Gesänge angehört, welche Glauben und Vertrauen ausdrücken und ich habe das Gefühl gehabt, daß man sich mit dem Liede emporheben und gehen kann, weit, weit dahingehen, wohin das Herz sich sehnt." Und aus der Seele sprach uns Chajim Tschernowitz, wenn er über Bialik ausrief: „Möge es uns vergönnt sein, ihn zu sehen, wie er im Schatten des Heiligtums predigt, auf dem Tempelweg, wie die Weisen der Vorzeit zur Zeit des Tempels in Jerusalem." 95