Židovská ročenka pre Slovensko
- Journal
- Židovská ročenka pre Slovensko
- Volume
- 5700 (1940)
- Date
- 1940-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 110)
- Language
- German
- Belongs to
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chen... solange sie aber in ihrer Fremdheit beharren, sind sie so anzusehen, als existierten sie überhaupt nicht." Weiters beschreibt er die Auslesearbeit in der Literatur, wo das Getreide vom Spreu gereinigt wird. Und Bialik fragt: „Wer ist es, der schichtet und wählt?" Und er antwortet sogleich: „Die Erkenntnis des Volkes und sein Geschmack." „Die Weisen sind nur die geistigen Vertreter des Volkes und unterwerfen sich, mögen sie nun wollen, oder nicht, dem Gebote des Lebens, mitunter sogar gegen ihre persönliche Herzensneigung." Und er weist hier auf das klassische Beispiel der biblischen Bücher Koheleth und Ezechiel hin, welche durch unsere Weisen aus der Liste der Heiligen Schriften ausgeschieden werden sollten, was aber nicht erfolgte, weil eben der Geist des Volkes es nicht zuließ. Auch darin ist Bialik traditionell-jüdisch, daß er unsere alten Schriften, als wahrhaft heilig betrachtet. Er bemängelt, daß das Buch und die Literatur profan geworden sind. Mit köstlichen Humor charakterisiert Bialik in seinen Essay „Jugend oder Kinderei" — den wesentlichen Unterschied zwischen Jugendlichkeit und Kinderei, und konstatiert darin, wenn Jemand sich seiner Jugend gern und viel rühmt, da ist es eigentlich Kinderei und nicht Jugend. Wie treffend ist seine eigenartige Feststellung, daß unsere Armut nicht darin besteht, „daß wir nichts haben, sondern auch darin", daß wir vom Besitz, den wir haben, keinen richtigen Gebrauch machen." Er sagt weiter: „Was ein Volk hat, ist stets weniger, als das, was es nicht hat; wenn man abschätzt, schätzt man nicht nur nach dem Kapital ab, sondern auch nach Zinsen, nach dei Einnahme. Wer ist arm? Der aus Lässigkeit oder Torheit sich dessen, was er hat, nicht zu seinem Vorteil und zu seinem Vergnügen bedient; der, welcher sich nicht bemüht, durch eigene Hand und Mitteln der Kultur, d. h. durch fleißige, vernünftige und organisierte Arbeit aus seinem vorhandenen Besitz den größtmöglichen Nutzen zu ziehen." * Und wie seine Worte, wie seine Werke, waren auch seine Taten, war sein persönliches Leben. Sein geniales Wesen paarte sich mit einer Bescheidenheit, Menschenliebe, mit einem Gottbegnadentum, bei dem man unwillkürlich die Größe fühlte. Ganz eigenartig ist auch die Rolle, die er und sein Haus in Tel-Aviv spielten. Einen Sabbath bei ihm zu verbringen, war ein besonderer Genuß, voll Weihe! Ein echter „Oneg Schabbath". Die altheilige Sabbathwonne wurde von ihm zu neuem Leben erweckt, mit neuem pulsierenden Inhalt erfüllt. 94