Židovská ročenka pre Slovensko
- Journal
- Židovská ročenka pre Slovensko
- Volume
- 5700 (1940)
- Date
- 1940-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 106)
- Language
- German
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hadert mit Gott um des Volkes willen. Als Gott Israel seiner Sünden wegen vernichten wollte, um ihn selbst zu einem großen Volken zu machen, ruft Moses aus: „Dann lösche auch mich aus Deinem Buche aus." Und unter den mit Gott sich eins fühlenden, grossen chassidischen Rabbi's ist es Reb Mayerl, der die Verfügungen Gottes manchmal mit einem Lächeln kritisiert und dem es zuweilen an Ehrfurcht mangelt. In den Zeiten der großen Judenverfolgungen des XIII. Jahrhundertes findet sich ein ähnlicher Gedanke, u. zw. in der Elegie eines Unbekannten in Fulda. Er schreit auch verzweifelt auf: „Wer ist dir gleich unter den Stummen, o Gott, du siehst zu und schweigst!" Ähnliche Anklagen finden wir auch in den Kinnoth des Elegien-Volksdichters des XIII. Jahrhundertes. In der Kinna „Me Kol hza'on", welche den Höhepunkt der Märtyrerleiden der Juden schildert, wehklagt es in derselben Weise, wie bei Bialik: „Ist denn unsere Widerstandskraft gleich der eines Steines, oder aus Erz unser Fleisch? ... Oh Erde! nimm unser Blut nicht auf, möge das ganze Erdenrund von unserem Klagenschrei widerhallen.. " Der wahre Dichter der Nation ist Bialik auch deshalb, weil er die moderne hebräische Sprache zu einer künstlerischen erhob mit einer einzigartigen Methode der schöpferischen Genialität, die man am besten Bialiksche Methode nennen möchte, indem er vorerst das Wesen der Sprachen und insbesondere der hebräischen in Abhandlungen veranschaulichte. Und was sonst bei anderen Nationen ganze Generationen hervorbrachten, schuf und vollendete bei uns beinahe ein Einziger: Bialik. Dieses sein Wirken macht er uns in einen Essay's klar. So schildert er in seiner Abhandlung über die „Offenbarung und Verhüllung in der Sprache" die grosse Bedeutung der Sprache im allgemeinen auf unerreichbare Weise. Lesen wir hierüber nur einige Gedanken aus der Fülle des aufblitzenden Gedankenreichtums dieser Studie. Wie führt er uns da in die höchsten Sphären des Denkertums! Schon die Einleitung dieses Essays erfaßt unser ganzes Denken, wenn er folgendes ausspricht: „Wie viele von den Worten kamen nur nach schweren Geburtswehen, die viele Geschlechter lang währten, zur Welt, wie viele Worte leuchten jäh wie Blitze auf und erhellten in einem Fluge eine ganze Welt. Es gibt Worte, die Gebirge Gottes, und Worte, die ein tiefer Abgrund sind. Es gibt Worte, die zu ihrer Stunde Völker und Länder auf die Knie geworfen, Könige von ihrem Thron verjagt, die Grundfesten der Erde und des Himmels erbeben gemacht haben. Es kam ein Tag, da diese Worte ihre Größe verloren und auf den Markt geworfen wurden; jetzt sind sie billig, wohlfeil geworden, wie Linsen und die Menschen werfen sie in leichten Plaudern hin und her." 90