Židovská ročenka pre Slovensko
- Journal
- Židovská ročenka pre Slovensko
- Volume
- 5700 (1940)
- Date
- 1940-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
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Tage des Messias uns von den Sünden und zugleich von den Leiden erlösen." Diese Worte des greisen Rabbi bestätigten jedoch dem Nachtwächter nur den schrecklichen Verdacht, daß eine große Gefahr im Anzüge ist. Er wandte sich auch schon weiterzugehen, als vom südöstlichen Winkel des Ghetto, wo das Haus der Rivka Chaschüwa stehen mochte, eine dichte, schwarze Rauchwolke sich zum Himmel ballte und wie auf Verabredung begann nun auch ein heftiger Sturmwind gefahrdrohend durch das verwitterte Gäßchen zu heulen und dichte Feuerfackeln vorwärtszutreiben, die gierig nach den ineinandergeschachtelten Häusern schnappten. Ein nasenkribbelnder brenzliger Geruch begann das Städtchen zu überfluten. Die wachsende Gefahr jagte Schimmele von Haus zu Haus, um mit seinem alten „Schülklopfer", der heiligsten Reliquie der Schamesdynastie, seinen Glaubensgenossen den schweren Schicksalsschlag zu künden. Bald füllte sich der Platz vor Rivkas Haus, wo die Hitze kaum mehr zu ertragen war, mit einer verzweifelnd jammernden, heulenden Masse. Nach wenigen Minuten begann es bereits im Hause zu krachen und zu knistern, glühende Balken, glimmende Dachschindeln plumpsten herab. Der Orkan jedoch tobte weiter im wonnigen Rausch, als wollte er den Funkentanz dieser Milliarden zum Himmel geschleuderten Feuersternchen bis zur Neige auskosten. Alles rennt, rast wild durcheinander, allmählich werden Butten, Fässer, Harpunen, Stricke und Leiter herbeigeschleppt. Doch vergebens ist jede Anstrengung, den im Hause Eingeschlossenen zu Hilfe zu kommen. Rivka ChaschüWa, die ob ihrer Herzensgüte und Frömmigkeit unter den jüdischen Frauen hervorragte und von allen geehrt und geachtet wird, bemüht sich verzweifelnd und dem Wahnsinn nahe, mal das eine, mal das andere Kind umfassend aus der Wohnung zu stürzen. In dieser Verwirrung wirft sich plötzlich der körperlich und seelisch stiefmütterlich bedachte Feiwele Schojte,— wie dieser ungeschickte und einfältige stille Narr im Ghetto genannt wurde, — durch das Fenster des Hauses und zerrt inmitten Hitze und Rauch Rivka hervor, an der nur verbrannte Kleiderfetzen und gräßliche Brandwunden zu sehen sind. Mit übermenschlicher Anstrengung versucht man den leblosen Körper zum Leben zu erwecken. Inzwischen stürzt der „Schojte" abermals zum Fenster, sicherlich um auch die Kinder herauszuholen, doch ein herabstürzender Dachbalken schmettert ihn zu Bogen. Und die unglückliche, zerschundene Jammergestalt wird nur mehr als Leiche hervorgezogen. Unter der schauervollen Begleitmusik des heulenden Orkans vollendet inzwischen das Feuer sein entsetzliches Vernichtungswerk. — Nacheinander krachen und stürzen die Häuser zusammen. Mit spielender Leichtigkeit bemächtigt sich 68