Židovská ročenka pre Slovensko
- Journal
- Židovská ročenka pre Slovensko
- Volume
- 5700 (1940)
- Date
- 1940-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/7957787-8905983--077-7957862- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
gen des Fürstprimas, in Eisenstadt an der Seite des fürstlich Esterhazy'schen Schlosses. Die Grundherren hatten auch allen Grund die Juden anzusiedeln und zu beschützen. Waren diese doch gewandte Vermittler der Landesprodukte, der Fächsung, des Weines, der Wolle und des Tabaks und Pächter des herrschaftlichen Schankrechtes. Die wichtigsten Faktoren der einst über Bartfeld und Zboro nach Polen und Rußland führenden, frequenten Handelsstraße: Kaufleute, Käufer, Vermittler, Fuhrleute waren Juden. Der Jude war daher ein nützliches Element der Grundherren. Doch auch der slowakische Bauer lebte mit den Juden in Friede und Eintracht. Der Jude vermittelt die notwendigen Gebrauchsartikel selbst in die entlegensten Kleindörfer. Sein schlotternder Trödlerkarren und sein altersschwacher Gaul spielten dazumal die Rolle der heutigen Lastautos. Bei den damaligen schweren Verkehrsmöglichkeiten verließ der Dorfsbewohner nur selten die Grenze seines Wohnortes. Der Jude wandert — er ist das Wandern ja seit Jahrtausenden gewohnt — von Ort zu Ort, selbst in ferne Gegenden, in Nachbarländer, er ist der Erfahrene, der Weltbereiste, in der Unmaße von Analphabeten der Schriftkundige, der auch alle Landessprachen beherrscht. So wird er der Landbevölkerung in mannigfachen Alltagssorgen und Problemen Berater und Helfer. Noch heute ist bei den slowakischen Bauern der Gegend das geflügelte Wort im Umlauf: „Ked bieda, ta do Zida", — etwa: In Nöten Mut gibt nur der Jud. Könige, Kirchenfürsten, Grundherren und Bauern benötigen, dulden, ja schützen deshalb den Juden und gewähren ihm Lebensmöglichkeit. Die Bürger der Städte, Kaufleute und Gewerbetreibende sehen in ihm jedoch den Wettbewerber, der ihre Existenz bedroht. Sie verfolgen ihn deshalb und trachten ihn zu verdrängen. Er darf die drei königl. Freistädte nur während der Jahrmärkte besuchen. Er bringt seine Waare aus fremden Ländern, oft hier noch unbekannte, ausländische, türkische und griechische Waare. Er verkauft wohlfeil, ist er doch anspruchslos und genügsam, — er konkurriert. Deshalb sieht der Städtler den Rivalen, die große Gefahr in ihm. Der Adel ist um seine Vorrechte nicht besorgt. Zu ihm wird sich der Jude niemals emporschwingen. Auch mit dem Bauernstande wird er nicht verschmelzen. Er ist doch rechtsloser als dieser, er steht auf der allerletzten Stufe. Als ich die Volksschule besuchte, stand noch in unserem Schulbuche bei Aufzählung der Landesbewohner in dieser Reihenfolge: „Zigeuner und Juden kreuz und quer im Vaterlande". Als vom Westen her der erste Schimmer der aufgehenden Freiheitssonne dämmert, empfinden die Bürger der Städte, daß sie auch den Juden Gleichberechtigung bringen müße und 60