Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 58)
- Language
- German
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wird selbst die mittelmäßige Tugend abgesprochen; ihre Sittenlehre (d. h. zuletzt ihre Religion), ihre Beschäftigung, zu der die Christen sie zwingen, macht „eine allgemeine Redlichkeit kaum möglich." Die einzelnen Ausnahmen können den Haß gegen die Juden nur unmerklich mindern, und wenn der Dichter ein seltenes Beispiel von Edelmuth, das also doch seine Wahrheit hat, herausgreift, um das allgemeine Vorurtheil zu schwächen, so möchte man zwar „dem schönen und edlen Bilde Wahrheit und Dasein" wünschen, wird aber in der Freude an demselben gestört, weil es eben unwahrscheinlich ist. Nirgends eine Hoffnung, nirgends eine Aussicht auf bessere Zeiten. Mendelssohn hatte sich in das Heiligthum der Wissenschaft und der Bildung geflüchtet, und nun mußte er auch dort die Stimme der alten Verachtung hören. Wie sehr hatte Lessing verstanden, was in der Seele der Bedrückten vorging, er hatte sie ermuntert und ihre Angelegenheit zu einer allgemeinen Frage der Humanität gemacht. Nun aber bezeigte man ihnen einiges Mitleid, äußerte seine guten Wünsche, erklärte es jedoch für unmöglich, daß diese in Erfüllung gehen, sprach den Unglücklichen die Zukunft ab. Nichts empört das Gemüth des Menschen mehr, als die Perversion, welche die Gründe, die im Namen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit angeführt werden müssen, zwar anerkennt, aber gegen die Sache wendet, der sie dienen sollten. Hätte Michaelis sich aus die ästhetische Kritik beschränkt, so würde es sich einfach um das Lustspiel gehandelt haben; er verließ aber seinen Standpunkt und ging zu einem lieblosen Urtheile über die Juden selbst über, als wollte er — was jedoch gewiß nicht seine Absicht war, — die Wirkung stören, welche die humane Dichtung im Leben üben konnte. Lessing antwortete ihm in der „theatralischen Bibliothek" (IV, 217 ff). Er unterschied zwischen den beiden Fragen: „ob erstens ein rechtschaffener und edler Jude" an und für sich etwas Unwahrscheinliches sei; und ob zweitens es dem Verfasser gelungen sei, das Bild, das er von einem solchen Juden gegeben, wahrscheinlich zu machen. „Es ist offenbar — fügte er hinzu — „daß der eine Punkt den andern hier nicht nach sich ziehet; und es ist eben so offenbar, daß ich mich eigentlich nur des letztern wegen in Sicherheit setzen dürfte, wenn ich die Menschenliebe