Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 57)
- Language
- German
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51 % Endzweck dieses Lustspiels ist eine sehr ernsthafte Sittenlehre, nämlich die Thorheit und Unbilligkeit des Hasses und der Verachtung zu zeigen, womit wir den Juden meiftentheils begegnen. Man kann daher dieses Lustspiel nicht lesen, ohne daß einem die mit gleichem Endzwecke gedichtete Erzählung von einem ehrlichen Juden, die in Herrn Gellerts schwedischer Gräfin steht, beifallen muß. Bei Lesung beider aber ist uns stets das Vergnügen, so wir reichlich empfunden haben, durch etwas unterbrochen worden. . . . Der unbekannte Reisende ist in allen Stücken so vollkommen gut, so edelmüthig, so besorgt, ob er auch etwa seinem Nächsten Unrecht thue und ihn durch ungegründeten Verdacht beleidigen möchte, gebildet, daß es zwar nicht unmöglich, aber doch allzu unwahrscheinlich ist, daß unter einem Volke von den Grundsätzen, Lebensart und Erziehung, das wirklich die üble Begegnung der Christen auch zu sehr mit Feindschaft, oder wenigstens mit Kaltsinnigkeit gegen die Christen erfüllen muß, ein solches edles Genrüth sich gleichsam selbst bilden könne. Diese Unwahrscheinlichkeit stört unser Vergnügen desto mehr, je mehr wir dem edlen und schönen Bilde Wahrheit und Dasein wünschten. Aber auch die mittelmäßige Tugend und Redlichkeit findet sich unter diesem Volke so selten, daß die wenigen Beispiele davon den Haß gegen dieselbe nicht so sehr mindern, als man wünschen möchte. Bei den Grundsätzen der Sittenlehre, welche zum wenigsten der größte Theil derselben angenommen hat, ist auch eine allgemeine Redlichkeit kaum uröglich, sonderlich da fast das ganze Volk von der Handlung leben muß, die mehr Gelegenheit und Versuchung zum Betrüge gibt, als andere Lebensarten." Diese Worte mußten im Kreise der aufstrebenden Juden die größte Entrüstung erregen. Mendelssohn hatte sich von keiner Schwierigkeit, von keinem Hindernisse zurückschrecken lassen, um unablässig an der Bildung und Veredlung seiner selbst zu arbeiten, und nun sollte es „allzu unwahrscheinlich" sein, daß ein Jude von einem solchen Streben erfüllt sei, daß ein feineres Zartgefühl ihn von jedem Unrechte gegen seinen Nächsten abhalten könne, daß er namentlich gegen einen Christen vollkommen edelmüthig handeln könne, und dieses hauptsächlich aus dem Grunde, weil die — Christen ihn mißhandeln. Der Gesammtheit 4*