Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 46)
- Language
- German
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40 „Die Pflicht, meine Meinungen und Handlungen zu prüfen, habe ich gar frühzeitig erkannt, und wenn ich von früher Jugend an meine Ruh- und Erholungsstunden der Weltweisheit und den schönen Wissenschaften gewidmet habe, so ist es einzig und allein in der Absicht geschehen, mich zu dieser so nöthigen Prüfung vorzubereiten. Andere Bewegungsgründe kann ich hiezu nicht gehabt haben. In der Lage, in welcher ich mich befand, durfte ich von den Wissenschaften nicht den mindesten zeitlichen Vortheil erwarten. Ich wußte gar wohl, daß für mich ein glückliches Fortkommen in der Welt auf diesem Wege nicht zu finden sei.... Der Stand, welcher meinen Glaubensbrüdern im bürgerlichen Leben angewiesen worden, ist so weit von aller freien Uebung der Geisteskräfte entfernt, daß man seine Zufriedenheit gewiß nicht vermehrt, wenn man die Rechte der Menschheit von ihrer wahren Seite kennen lernt.... Wer die Verfassung kennt, in welcher wir uns befinden, und ein menschliches Herz hat, wird hier mehr empfinden, als ich sagen kann." (III, 40.) Die Zeit, wo die Juden ihre bürgerliche Gleichberechtigung fordern konnten, war noch lange nicht gekommen; aber in dem großen Reiche der Humanität, wo jede redliche Ueberzeugung geehrt wird und jede Besonderheit ihre Geltung hat, konnten auch die Verachteten sich ansiedeln, die man mit Hohn zurückgewiesen hätte, wenn sie verlangt hätten, als ebenbürtige Söhne des Vaterlandes anerkannt zu werden. Wollten sie dort Aufnahme finden, so mußten sie es wagen, trotz den tief eingewurzelten Vorurtheilen, denen sie bei jedem Schritte begegneten, aus ihrer Abschließung herauszutreten und überall, wo ihnen auch nur ein beschränkter Raum gegönnt wurde, das allgemein Menschliche zu pflegen. Dieses war das Ziel, das Mendelssohn sich und seinen Glaubensgenossen setzte. Im Grunde aber fanden die deutschen Juden in jener idealen Weit auch zugleich das Vaterland. Die Männer aus ihrer Mitte, die ihnen den Weg zeigten, fühlten sich in ihrem Streben innig verbunden mit den Edelsten und Besten des deutschen Volkes. Aus der Idee der Menschheit verjüngte sich damals das deutsche Geistesleben. Die neue Literatur hatte beinahe durchweg einen kosmopolitischen Charakter. Indem sie sich zur allgemeinen Weltliteratur entfaltete, trat in ihr das innerste Wesen des deutschen Volksgeistes hervor, dessen Eigen-