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Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde · 1867-01-01 · 1867 · p. Seite 39

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Journal
Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
Volume
1867
Date
1867-01-01
Page
Seite 39 (sequence 45)
Language
German
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39 Leicht hätte er in den gewöhnlichen Fehler der Autodidakten, in Einseitigkeit, Weitschweifigkeit und Ueberschätzung der mühsam erlangten Einsicht verfallen können. Daß er nicht halbwahren, blendenden Ideen nachjagte, sondern sich eine möglichst abgerundete, harmonische Bildung aneignete und bescheiden die ihm noch anhaftenden Mängel zu gestand — dieses ist es, was ihn groß gemacht hat. Sein sittliches Streben führte ihn den richtigen Weg. Er las, studirte und forschte nur zu seiner Selbstbildung, zu seiner Veredlung, und darum erweiterte und vertiefte sich seine Erkenntniß, wie lückenhaft sie auch in einzelnen Gegenständen bleiben mußte, immer mehr, je mehr er sich selbst über die Beschränktheit erhob, je entschlossener er sich von Vorurtheilen befreite, je reiner das wahrhaft Menschliche in ihm hervortrat. Mit besonderer Sagacität wußte er aus zusammenhangslosen Elementen, die er zufällig und meist nur auf indirectem Wege in sich ausgenommen hatte, sich ein Ganzes herzuftellen und den Umfang desselben vorahnend zu überschauen. Auch der schwächste Keim des Wissens wurde in ihm fruchtbar und entwickelte sich rasch. So bildete er sich gleichsam die Wissenschaft, indem sie ihn bildete. Er trug ihr Lebensprinzip, das stets ein ideales ist, in sich; er strebte nicht nach bloßen Kenntnissen, die er verwerthen wollte, sondern nach Weisheit. Die religiösen und philosophischen Fragen waren für ihn zugleich persönliche Existenzftagen. Lessings Lebensstellung hing, nachdem er einmal von dem theologischen Berufe abgekommen war, nicht unmittelbar von seinen religiösen Ueberzeugungen ab. Mendelssohn hingegen nrußte um seiner Religion willen auf alle bürgerlichen Rechte, auf einen seinen Kräften entsprechenden Wirkungskreis, aus die unmittelbare Betheiligung an den vaterländischen Bestrebungen verzichten und fühlte sich sogar in der Ehre des Menschen verletzt. Er hing zu innig an seiner Religion und an seinen Glaubensgenossen, als daß je auch nur entfernt ein Gedanke an den Xiebertritt ihn hätte versuchen können. Aber er mußte doch diese Pietät vor sich selbst rechtfertigen und über die nächste Aufgabe der Gesammtheit, mit der er so fest verwachsen war, ernstlich Nachdenken. In dem wichtigsten Momente seines spätem Lebens, als Lavater die bekannte öffentliche Aufforderung an ihn richtete (1769), konnte er mit Recht sagen:

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