Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 37 (sequence 43)
- Language
- German
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37 sich großen Anstoß. Man ahnte, daß in diesen halb philosophischen, Halb poetischen Betrachtungen, die sich von dem rabbinischenSprachverderbnisse freihielten und die überhaupt von einem bessern Geschmacke zeugten, sich ein neuer Geist rege, der eine große Umwälzung Hervorrufen könne. Mendelssohn forderte zur Bewunderung der Natur auf und pries ihre Schönheit, in der man die Weisheit und Güte des'Schöpfers erkennen möge. Das Judenthum aber, das einst ganz von dem lebendigen Athem der Natur erfüllt war, hatte sich ihr im Laufe trüber Zeiten immer mehr entfremdet; war es möglich, zu ihr zurückzukehren, ohne die bisherige Lebensansicht und alle Verhältnisse völlig umzugestalten? An einen talmudischen Spruch anknüpfend, sprach er nach der Weise der Leibnitz-Wolffischen Philosophie über die Vollkommenheit der Welt, in der Alles aufs Beste eingerichtet sei, was doch gewiß eine Grundanschanung des Judenthums ist; aber die philosophische Auffassung konnte leicht, sobald sie sich einmal geltend gemacht hatte, zu gefahrdrohenden Untersuchungen führen. Und wußte man nicht, daß der junge Mann, der sich vermaß, eine derartige Richtung, die man längst verbannt hatte, erneuen zu wollen, sich mit fremdartigen Wissenschaften beschäftigte? Solche und ähnliche Gedanken und Beweggründe, die man sich aber keineswegs klar gemacht hatte, mochten zum Widerstande gegen die versuchte Neuerung antreiben, und Mendelssohn war nicht der Mann, der seine Ueberzeugungen aufdrängte und seine wohlgemeinten Absichten durchzuführen trachtete, wenn die Erfahrung zeigte, daß die rechte Zeit noch nicht gekommen war. Mit dem zweiten Blatte schon ging die Zeitschrift wieder ein. Mendelssohn mußte noch ganz andere Wege gehen, bevor er zu jenen ersten jugendlichen Bestrebungen zurückkehrte und unmittelbar auf seine Glaubensgenossen zu wirken suchte. Nicht die Bildung der Juden, sondem die Bildung des deutschen Volkes war das nächste Ziel, und an dieser sollte er an der Seite Lessings arbeiten, der dazu berufen war, ein Führer seiner Zeit zu werden. Nicht als hebräischer, sondern nur als deutscher Schriftsteller konnte er die außergewöhnliche persönliche Geltung erlangen, deren er zu seiner Wirksamkeit auf jüdischem Gebiete bedurfte. Der ehemalige Talmudschüler übte den größten Einfluß auf die. Juden dadurch, daß er sie die reine deutsche Sprache lehrte.