Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9643687-7658552--39-7658589- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
34 zog den jungen Moses an sich, unterrichtete ihn in der Mathematik nach einer hebräischen Uebersetzung das Euklid, erging sich nlit ihm in metaphysischen Speculationen und tauschte seine kühnen Ideen mit ihnl aus. Das ganze Gebiet der neueren Philosophie, soweit sie über Maimonides und seine Zeit hinausgegangen war, blieb dem jugendlichen Denker vorerst unbekannt und mußte erst zufällig von ihn: entdeckt werden. Es war für ihn ein glückliches Ereigniß, als er Reinbecks „Betrachtungen über die Augsburgische Confession" bei einem Juden fand, der das Buch in Versatz genommen hatte. Er vertiefte sich in den philosophischen Theil des Werkes, besonders in die Beweise für das Dasein Gottes, und sein Verlangen, aus andern Quellen zu schöpfen, wurde um so mächtiger. Ein junger jüdischer Mediciner Namens Kisch, der in Prag, wo er geboren war, einen regelmäßigern Bildungsgang zurückgelegt hatte und sich nun in Berlin aufhielt, machte ihn darauf aufmerksanr, daß er sich, wenn er die neuere Philosophie kennen lernen wolle, vor Allem die Kenntniß der lateinischen Sprache aneignen müsse, und erbot sich, ihm dabei behilflich zu sein. Man muß hier unwillkührlich wieder an Lessing denken. Von ihm wird bekanntlich erzählt, daß er als Kind am liebsten mit Büchern spielte und daß er, als er in seinem fünften Jahre gemalt wurde und der Maler einen Käfig mit einem Vogel auf dem Bilde anbringen wollte, sich dieses verbeten habe, indem er ausrief : „Mit einem großen, großen Haufen Bücher müssen Sie mich malen, oder ich mag lieber gar nicht gemalt sein!" Während er jetzt auf der Fürstenschule zu Meißen in den Freistunden seine lateinischen Lieblingsschriftsteller las oder vielleicht schon in Leipzig die Vorträge Ernesti's und Christs hörte, trachtete sein künftiger Freund Moses einige Groschen zu ersparen, nur sich eine alte lateinische Grammatik und ein schlechtes lateinisches Lexicon erwerben zu können. Kisch gab ihm dann etwa ein halbes Jahr lang eine Viertelstunde täglich die nöthige Anleitung. Ein philosophisches Werk mußte es sein, das ihm die Kenntniß der Sprache vermittelte. Er fand bei einem Antiquar eine lateinische Uebersetzung von Locke's „Versuch über den menschlichen Verstand". Dieses Werk suchte er, wie Nicolai erzählt, „mit unbeschreiblicher Mühe zu entziffern; er schlug jedes Wort,