Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 33 (sequence 39)
- Language
- German
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33 sorgen und nur durch sein Verlangen nach höherer geistiger Ausbildung sich davon abhalten lasse. Mehrere Jahre hindurch hatte er mit Noth und Entbehrungen zu kämpfen. Im spätern Alter erzählte er gerne, daß er sich öfters ein Brod, das er gekauft hatte, durch sorgsam abgemessene Striche eintheilte, damit er nicht etwa an einem Tage zu viel davon genieße und dann am andern gänzlich hungern müsse. Lessing sprach bekanntlich davon, daß man die fröhliche Armuth preisen solle. Die Armuth Mendelssohns war keine fröhliche, aber doch eine heitere. Still, genügsam, sanft und leutselig lebte er dahin. Solche Naturen erscheinen um so edler, je niedriger die Lage ist, in der sie sich befinden, und ziehen unbewußt einen gesicherten Kreis geheimer Achtung uni sich. Durch seine Selbstständigkeit und durch die unverkennbare geistige Überlegenheit nahm der körperlich schwache Jüngling bald eine Ausnahmsstellung unter seinen Gefährten ein, von denen Einzelne sich ihm liebevoll anschlossen. Der Talnludjünger, bei dem ein deutsches Buch gefunden wurde, war der Gefahr ausgesetzt, von den Gemeindeältesten aus der Stadt gewiesen zu werden. Der immer mehr erwachende Wissensdurst Mendelssohns konnte durch die hebräische Literatur allein nicht befriedigt werden. Mit größter Heimlichkeit, in später Nacht auf seiner Dachstube las er die deutschen Schriften, deren er habhaft werden konnte. Das Iudenthum stand ■— von der Bibel abgesehen — hauptsächlich durch die oben erwähnten hebräischen Werke aus der spanisch-arabischen Zeit, besonders durch die religionsphilosophischen und mathematischen, die aber meist vernachlässigt wurden, noch in Beziehung zu der allgemeinen Zeitbildung. Die Philosophie und die Mathematik boten einzelnen Geistern den Weg zu derselben. Auch Mendelssohn erlangte durch jene Schriften die ersten wissenschaftlichen Kenntnisse und überhaupt die ersten Begriffe einer systematischen Wissenschaft. Er lernte einen polnischen Talmudgelehrten Namens Israel Sanwß kennen, der zwar nicht deutsch zu lesen verstand, aber die hebräischen Werke jener Art gründlich kannte und, selbst ein scharfsinniger Denker und bedeutender Mathematiker, sich eingehend mit denselben beschäftigte. In der Heimath wegen seiner fteieren Ansichten verfolgt, hatte er in Berlin ein Asyl gesucht, wo er in Dürftigkeit lebte. Er 3