Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 33)
- Language
- German
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27 durfte es nur eines Hellen Lichtstrahls von Außen, da brauchten nur die hemmenden Fesseln einigermaßen gelockert zu werden und das dämmernde Bewußtsein des Menschen ging in den Seelen ans und die verborgenen Kräfte regten sich wieder. Schwierig war es, sich nun in der großen freien Welt zurecht zu finden. Viele verirrten sich auf diesen oder jenen Abweg; Mendelssohn erkannte mit klarer Besonnenheit das rechte Ziel und verfolgte es mit beharrlichem Streben. Er wurde ein Vorbild seiner Glaubensgenossen und zeigte ihnen durch sein Beispiel, daß sie Juden bleiben und dennoch ihre Menschenwürde zur Anerkennung bringen könnten. Ueber das Jugendleben Mendelssohns sind uns nur dürftige Nachrichten aufbewahrt worden. Er selbst war zu bescheiden und hielt, ähnlich wie Lessing (XII, 27), seine Lebensumstände für zu geringfügig, als daß er Genaueres über dieselben ausgezeichnet hätte (Mendelssohn's Schr. V, 524 ff.). Andererseits war seine Persönlichkeit und seine ganze Stellung eine so ungewöhnliche und überraschende, daß ihm von seinen Zeitgenossen mancher anekdotenhafte Zug angedichtet wurde. Daß man in den jüdischen Kreisen damals noch keine Ahnung von einer naturgemäßen Erziehung hatte, kann um so weniger auffallen, wenn man in Betracht zieht, wie es überhaupt mit derselben bestellt war, bevor Rousseau und Pestalozzi austraten. Es war noch ein Glück für den jüdischen Knaben, wenn er nicht in die Hand eines jener rohen und verkehrten polnischen Rabbi's fiel, denen die deutschen Juden zu jener Zeit häufig den Unterricht ihrer Kinder anvertrauten. Mendelssohn wurde anfangs von seinem Vater unterrichtet, dessen Persönlichkeit, Kenntnisse und Stellung — auch abgesehen von den völlig verschiedenen Umständen — ebenso unbedeutend waren, als der Vater Lessings durch seinen Stand und seine Gelehrsamkeit, wie durch seine stark ausgeprägte Individualität hervorragte. Wir irren aber wohl nicht, wenn wir uns in ihm einen zwar schwachen und fügsamen, aber doch äußerst ehrliebenden Mann denken, dem ein feinerer Sinn eigen war und der auch einen gewissen Grad von äußerer Bildung besaß *). Obwohl er Einer der Aermsten in der Gemeinde *) Wir dürfen bei ihm, da er sich der hebräischen Kalligraphie widmete, wohl auch einen gewissen Schönheitssinn, sowie die Kenntniß der