Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 32)
- Language
- German
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26 berechtigt waren; aber diese fanden überall, wo Juden wohnten, eine gastliche Aufnahme. Die Wenigen, die ein völlig ehrloses Leben ftihrten und sich damit von der Gesammtheit lostrennten, gehörten meist jener Classe an. Sie allein waren ganz unglücklich. Einzelne derselben waren vielleicht begabtere Naturen, die unter andern Umständen um so nützlichere Glieder der Gesellschaft geworden wären. Nur die humane Geschichtsbetrachtung, die auf den Grundtrieb der Erscheinungen sieht, ist eine gerechte. Werden die Gebrechen absichtlich hervorgehoben, so entstehen blos Zerrbilder, wie treffend auch die einzelnen Züge sein mögen. Man darf aber behaupten, daß der Grundtrieb des Judenthums von den ältesten Zeiten an eben derselbe ethische war, den wir in Mendelssohn wiederfinden. Wer dieses leugnen will, der müßte auch den ethischen Charakter der Bibel und folgerichtig auch den ethischen Charakter des Christenthums leugnen*). Allerdings werden die Fehler eines Volkes, wie die des einzelnen Menschen, um so auffallender und wirken um so abstoßender, wenn sie mit seiner edlern Natur in einem geheimen Zusammenhänge stehen. Ist diese sogar gänzlich entstellt oder nahezu in ihr Gegentheil verkehrt, dann muß die Geschichte unnachsichtlich richten **). So lange aber das Volk sich seine höchsten Tugenden bewahrt, so lange es sich noch bildungsfähig zeigt, so lange darf es auch fordern, daß es nach seiner bessern Seite beurtheilt werde, zumal wenn die Ausartungen mehr oder weniger durch die Umstände veranlaßt wurden. Das scheinbar abgestorbene Judenthum hatte sich auch in den finstersten Zeiten noch sein inneres Leben bewahrt. Da be- *) Es ist eine von neueren Bibelforschern oft wiederholte Redensart, daß der israelitische Volksgeist, wie der semitische überhaupt, ein rein subjectiver war, dem die plastische Gestaltungskraft fehlte. Die biblische Poesie, ja die ganze Bibel gestaltet aber das Ideale, das Ethische in unnachahmlicher Weise, und wie ließe sich dieses in abgerundete sinnliche Darstellungen zwängen, ohne zuvor sein Wesen, welches eben ein Unendliches ist, aufgegeben zu haben? **) Die Propheten rügten deshalb die sittlichen Fehler ihres Volkes am schärfsten. Aus diesen Zurechtweisungen erkennt man aber, wohin der Trieb gerichtet war. Der eigentliche Volksgeist spricht sich in den aus der Masse hervorragenden Männern aus.