Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 25 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/9643687-7658552--30-7658580- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
35 so hing doch ihr Ansehen weniger vom Amte als von der Kenntniß ab und bestand kein eigentlicher Unterschied zwischen Geistlichen und Laien. Der Jude, der bereitwillig sich dem strengen Religionsgebote unterwarf, der auch das gelbe Zeichen am Kleide mit Resignation trug und geduldig den Leibzoll entrichtete, weil er darin eine höhere Schickung sah — er fühlte sich doch noch frei. Das konnte Niemand an seiner äußern Erscheinung bemerken, das ahnten seine christlichen Nachbaren nicht; er selbst wußte es kaum. Hatte der Knabe das dreizehnte Jahr erreicht, dann freilich war in der Regel über seinen Beruf entschieden. Er wurde hinausgeschickt, um durch erniedrigenden. Erwerb zur Ernährung der Familie beizutragen. Doch auch hier hatte er einen Talisman, der ihn vor sittlicher Verkommenheit schützte. Die stete religiöse Uebung, die ihn doch auf ein Höheres hinwies, wie sehr sie auch zur mechanischen Aeußerlichkeit geworden war, der Muth und Trost, den ihm sein Gottvertrauen einflößte, besonders aber der Gedanke an den Vater, an die Mutter und die Geschwister, deren einzige Stütze er vielleicht war, richteten ihn immer wieder auf, wie sehr er auch unter der schweren Last seufzen mochte, die er zu tragen hatte. Der verachtete Jude mußte sich in Alles fügen und schicken lernen, er bediente sich zuweilen der List und Verschlagenheit, als der einzigen Waffe des Schwachen; aber er gab doch sich selbst nicht ganz auf. Der Unwissenheit und Rohheit des ihn verhöhnenden Pöbels gegenüber, konnte er immerhin noch ein heimliches Gefühl der Ueberlegenheit nähren, ja — trotz der ihm auferlegten Demuth — noch eine letzte Regung des Stolzes empfinden. Mit einem tiefen Lebensernste vereinigte sich zuweilen ein freier Hunror, der die ganze äußere Welt belächelte, weil er sie als nichtig betrachtete. An und für sich hatte sich das Judenthum immer noch die > Lebensfreudigkeit bewahrt. Wenn der Familienvater am Vorabend des Ruhetages in das von der Religion geweihte und verklärte Haus trat, fand er Ersatz für alle Beschwerden und begrüßte froh die Engel des Friedens, die ihn dort umgaben, und mit der festlichen Feier drang wieder ein Strahl der Freude in die verdüsterten Gemüther. Freilich gab es auch Manche, die nirgends zu einer Heimath