Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 30)
- Language
- German
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24 am wenigsten die des jüdischen, dessen Geschichte mit ihren großartigen Erinnerungen in die ältesten Zeiten hinausreicht und das auf seinem leidensvollen Gange durch die Welt so Manches von der Cultur anderer Völker in sich ausgenommen hatte. In der Lehre zu forschen, wird nach den Grundsätzen des Judenthums als allgemeine Pflicht, als ein besonders gottgefälliges Werk betrachtet. Der ärmste Vater bot bereitwillig das Wenige auf, das er erübrigen konnte, um sein Kind in Allen: unterweisen zu lassen, was zur Kenntniß oder doch zur Uebung der Religion erforderlich war. Jeder Jude war mindestens in den Anfangsgründen einer fremden Sprache — denn eine solche war die hebräische im Wesentlichen auch für ihn —, wenn auch auf völlig unmethodische Weise unterrichtet worden. Schreiben, freilich nur in hebräisch-deutscher Schrift, lernte jeder jüdische Knabe. Einen berühmten Talmudgelehrten unter seine Ahnen zu zählen, galt in diesen Kreisen eben so viel als der Vorzug eines Adeligen in den seinigen. Es war die stolzeste Hoffnung, die eine jüdische Mutter heimlich nähren konnte, daß ihr Sohn einst den „Sitz eines zur Entscheidung berufenen" Rabbi einnehmen werde. Das Talmudstudium brachte durch eine spitzfindige Scholastik zwar auffallende Verzerrungen hervor, bewahrte aber doch vor der Versumpfung und dem Geistestode. Wie weit es auch von einer wissenschaftlichen Methode entfernt war, schärfte es doch die Geister auf ganz ungewöhnliche Weise. Wer nur immer zu einem solchen Studium befähigt war, beschäftigte sich mindestens zeitweise mit demselben, und bis in die untersten Schichten hinab verbreitete sich eine durch die Religion geweihte Verstandescultur. Viele treffliche Sittensprüche und Lebensregeln waren Gemeingut des Volkes. Damit hing theilweisekauch die völlige Gleichberechtigung aller Gemeindeglieder zusammen, die im Innern um so unbeschränkter war, je mehr sie in der Außenwelt versagt wurde. Obwohl der Jude ausschließlich auf den Gelderwerb hingewiesen war und sich dadurch — abgesehen von andern verderblichen Folgen — eine oft eigenmächtige Geldaristokratie bildete, so genoß doch zuletzt nicht der Reiche, sondern der Gelehrte die höchste Achtung. So groß auch der Einfluß der Rabbinen war, zumal da sie auch über bürgerliche Rechtsstreitigkeiten zu entscheiden hatten,