Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 27)
- Language
- German
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21 tiefer Wehmuth lesen können, so hat er uns doch damit das Bild seines Wachsthums gegeben. Nur an einen „faulen knorrichten Stamm" mögen wir dabei nicht denken. Der gesunde, schlanke Baum stand aus geräumigem Boden, wo ihn: reichliche Nahrung zufloß, wurde von kunstgeübten Händen sorgsam gepflegt, breitete seine Wurzeln nach allen Seiten aus, wuchs immer stärker und kräftiger heran, entfaltete seine Zweige zur herrlichen Krone, gedieh fröhlich in Wind und Wetter, und nicht von Innen heraus ist er abgestorben, sondern nur der Sturm hat ihn gebrochen. Alls Mendelssohn können wir die Vergleichung in diesem Sinne nicht anwenden, obschon Lessing ihn in dieselbe mit eingeschlossen hat. Aber mancher starke Baum wächst auch aus ungünstigem Boden. Eng begränzt ist der ganze Raum, nur spärlich körmen die Strahlen der Sonne eindringen, und wunderbar! aus einer schnralen Felsspalte hat er sich emporgerungen, über das Gestein hinaus hat er seine Wurzeln mit ihren zartesten Fasern überall hin ausgesandt und sie in jedes Stückchen Erde, das er nur .finden konnte, tief eingesenkt, um unter mancherlei Ausbeugungen sich die nöthige Nahrung auszusuchen und sie begierig einzusaugen, und ohne kunstmäßige Pflege ist er gediehen und hat sich über den steilen Abhang erhoben und ragt über ihn hervor in der fteien Luft, im freien Lichte. Er blieb lange unbeachtet; um so mehr aber muß er unser Staunen erregen, wenn wir ihn jetzt betrachten. Man begreift kaum, wie er einen so festen Stand erlangen, wie er so manchem Sturme trotzen konnte! Hat er auch seine Zweige nicht so schön entfaltet, wie der Baum aus fteiem Felde, so ist er doch ebenfalls zu einem kräftigen Stamme geworden. Dieses ist ein Bild Mendelssohns, der sich aus den beschränktesten äußern und innern Verhältnissen, rein durch die eigene Kraft emporarbeiten und Alles, was ihn mit der großen Welt und ihrem geistigen Leben in Verbindung setzte, sich mit unsäglicher Mühe aneignen mußte*). *) Es ist bezeichnend, daß er den Familiennamen, unter dem er in der Literatur bekannt wurde, sich selbst beilegen mußte und — nach jüdischer