Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 22)
- Language
- German
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16 wenn sie an die Gränzscheide zweier Zeiten gestellt sind, nicht ohne bedenkliche Krisen vor sich zu gehen. Je gesunder und kräftiger ihre individuelle Natur ist, desto eher wird eine derartige Krisis eintreten, desto leichter werden sie dieselbe überwinden. Immerhin aber werden die Bildungselemente, die ihnen absichtlich gereicht wurden oder ihnen unvermerkt aus der sie umgebenden Atmosphäre zuströmten, von ihnen nur in der Weise ausgenommen/wie sie der geheimen Triebkraft ihres innern Wesens entsprechen. Indem das » Fremdartige wieder abgestoßen oder doch zu einem völlig Neuen umgewandelt wird, vollzieht sich in ihnen zuerst der künftige Entwicklungsproceß der Zeit, die sie vorzubereiten und in ihrer Persönlichkeit darzustellen berufen sind. Hätten sie aber nicht vorerst auch jene Elemente in sich ausgenommen, so würden sie in Einseitigkeit ausgeartet und — abgesehen davon, daß die innere Läuterung unmöglich gewesen wäre — außer dem Zusammenhänge mit dem Ueberlieferten, das eben die Umwandlung erfahren soll, geblieben sein. Bei Lessing trat sehr frühe und beinahe ohne allen innern Kampf eine geistige Klärung ein. Sein energischer, durchaus freier Geist sagte sich schon auf der Schule innerlich von der pedantischen Büchergelehrsamkeit los und fühlte sich in Leipzig um so weniger von ihr angezogen, da die Universität als solche eine noch ganz mittelalterliche Corporation bildete, so daß die einzelnen Lehrfächer zunftmäßig vertheilt waren und meist auch ebenso betrieben wurden. Nur dem dort wirkenden frischen und lebendigen Hauche der neuen Zeit gab er sich unwillkührlich hin. Dem elgentlichen theologischen Berufe, gegen den er sich gleich Anfangs negativ verhielt, entsagte er gewissermaßen schon dadurch, daß er als Theaterdichter auftrat. Noch weniger theologisch waren seine kleineren Gedichte. Er streifte die dogmatischen Fesseln mit erstaunlicher Leichtigkeit ab, blieb aber in seinen sittlichen Grundsätzen unerschüttert. Nichts desto weniger gerieth er — besonders durch seinen Umgang mit Mylius und durch seine Beziehungen zum Theater — in große Versuchungen und gefährdete feinen Ruf durch eine ungeordnete Lebensweise. In dieser Hinsicht hatte er eine länger andauernde Gährung zu überwinden, die von den noch ganz verworrenen Regungen der Zeit begünstigt wurde. Wie man alle Schranken zu durchbrechen strebte, so glaubten namentlich die