Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9643687-7658552--17-7658567- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 arme schwächliche Judenknabe, der es kaum wagen durste, sich auf einem Spielplätze der Christenkinder sehen zu lassen, hatte keinen Antheil an der größern Welt. Die Jugendgeschichte Lessings ist uns in den wesentlichen Punkten genau bekannt. Alle Umstände trafen zusammen, um den hochstrebenden genialen Geist, den edlen großartigen Charakter zu bilden, den wir in ihm bewundern, und ihn zugleich mit dem ganzen Rüstzeuge des gelehrten Wissens auszustatten, dessen er bei seiner reformatorischen Arbeit bedurfte. Körperlich gesund und kräftig, wuchs der lebensmuthige, mit seltenen Anlagen begabte Knabe stei und ungebrochen heran, ohne den Gefahren der Verwilderung ausgesetzt zu sein. Ungetrübt, von den beengenden und niederbeugenden Einwirkungen der Armuth verschont, verflossen ihm die Jahre der Kindheit, während die jugendliche Seele den religiösen Grundton des elterlichen Hauses in sich aufnahm und eine patriarchalische Erziehung ihm den liefern Lebensernst einprägte. In der Familie war der wissenschaftliche Beruf und die entsprechende höhere bürgerliche Stellung gewissermaßen erblich. Mit gerechtem Stolze konnte er vor Allem auf einen Vater blicken, der durch sein Amt, durch seine Gelehrsamkeit und durch die Eigenschaften seines Charakters gleich ehrwürdig war. Dieser Vater zeichnete sich als gelehrter Theologe, als gründlicher Kenner der classischen Sprachen und der Geschichte, wie auch — was damals noch seltener war — durch die Kenntniß der französischen und der englischen Sprache, vor den meisten seiner Standesgenossen aus, führte einen wissenschaftlichen Briefwechsel mit andern namhaften Gelehrten und hatte sich durch seine Schriften die Anerkennung derselben erworben. Wurde dadurch der Ehrgeiz des ternbegierigen Knaben auf ein gleich würdiges Ziel gerichtet, so waren ihm zugleich die Wissenschaften und deren Hilfsmittel näher gerückt, und der künftige Forscher, dem eine bewunderungswürdige Divinationsgabe und Gedächtnißkraft eigen war, konnte sich dann aus dem Gebiete derselben um so leichter zurecht finden, wußte um so freier auf ihm zu schalten *). Selbst an der ersten *) Wir können selbstverständlich hier auf die Einwirkung seines Vaters nicht weiter eingehen und wollen nur nebenbei noch einige Andeutungen geben. Wenn derselbe in der Vorrede zur Geschichte seiner Vaterstadt sagte: „daß die historische Wahrheit einem Auge gleiche.