Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 16)
- Language
- German
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10 er sein Leben krönte und in dem alle seine geistigen Kräfte auf ihrem Höhepunkte zusammenwirkten. Die Frage, ob die religiöse Duldung mit der Besonderheit der Religionen verträglich sei, oder ob die Religion, wenn sie auf lebendiger Ueberzeugung beruht, nothwendig, wie so viele Jahrhunderte hindurch, die Menschheit entzweien müsse, statt sie zu einigen — diese Frage ist es, in der auch die wichtigsten inneren Fragen der einzelnen Religionen sich concentriren und eine praktische Gestalt gewinnen. Wo anders aber konnte und kann die Lösung gesucht werden, als aus dem Boden, den die Religionen gemein haben und auf dem der christliche und der jüdische Denker zusammengetroffen waren? Selbst die trennenden dogmatischen Verschiedenheiten wurzeln theilweise in dem allgemeinen sittlichen Grunde. Wird dieser gegenseitig geachtet und anerkannt, so ist die Versöhnung der Religionen für alle Zeit gefunden. * * * Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn lernten sich zu Anfänge des Jahres 1754 kennen*). Sie hatten damals bereits die erste Stufe der beginnenden Reife überschritten und eine für ihre ganze Zukunft entscheidende Stellung im Leben genommen. Auf eigenthümliche Weise hatte sich Jeder seinen Weg gebahnt, bis sie sich in dem gleichen Drange nach Wahrheit und in einem gemeinsamen edlen Streben begegneten. *) Wir folgen (mit sämmtlichen Biographen) hierin der Angabe Ricolai's (Lessings Schriften XIII, 5, auch Mendelssohns Schriften V, 207), obschon wir die Richtigkeit derselben bezweifeln. Mendelssohn selbst bemerkte nämlich kurz vor seinem Tode („an die Freunde Lessings", Schr. III, 8), er habe mit Lessing „dreißig und mehrere Jahre in vertraulicher Freundschaft gelebt", was auf dessen ersten Aufenthalt zu Berlin (Dec. 1748 bis Dec. 1751) zurückführen würde. Mendelssohn datirte aber wohl irrthümlich von dieser Zeit an, statt von der zu Ende des Jahres 1752 erfolgten Rückkehr. Wie Lessing selbst (Brief an Michaelis, Schr. XII, 28), betrachteten die Freunde vermuthlich seinen Aufenthalt zu Wittenberg nur als eine kurze Unterbrechung seiner Anwesenheit in Berlin, und so konnte Mendelssohn in spätern Jahren zu seinem Jrrthume verleitet werden. Dürfte man aber doch aus seinen Worten schließen, daß er sich noch deutlich erinnerte, er habe