Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 15)
- Language
- German
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9 „einen Schritt von Wichtigkeit vorhabe", so dachte er dabei nur an die öffentliche Stellung, zu der jener ihn emporgehoben hatte und die er im Sinne desselben bewahren wollte. Lessing hingegen gestattete dem Freunde die freimüthigste persönliche Zusprache und hörte auf dessen vorsorgliche Erinnerung, auch wo derselbe mit liebevoller Schwachheit ihn falsch beurtheilte, wie auf die Stimme des eigenen Gewissens. Wäre es nur ein rein individuelles oder allgemein geistiges Interesse gewesen, das die Freunde mit einander verband, so würde ihre Freundschaft niemals die große geschichtliche Bedeutung erlangt haben, die sie so denkwürdig macht. Denn eine große, geschichtlich folgenreiche That war diese Vereinigung. Indem Lessing dem Juden Mendelssohn — man darf wohl sagen — vor den Augen der ganzere gebildeten Welt die Hand reichte und ihn als vollkommen ebenbürtig behandelte, indem Mendelssohn über die äußern und innern Schranken des Judenthums hinaus ihm entgegenkam und seine Stellung neben ihm zu behaupten wußte, feierten zwei als feindlich betrachtete Religionen zuerst laut und öffentlich ihre Versöhnung inr Namen der Humanität, die seitdem immer weiter fortgeschritten ist. Betrachtet man den Entwickelungsproceß, der in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit dem deutschen Volke vorging, so zeigt sich auf überraschende Weise, daß bei demselben das religiöse Element — wenn auch zum Theile unbewußt — von verschiedenen Seiten einwirkte. Selbst die poetischen und allgemein ästhetischen Bestrebungen, die den ersten Ausgangspunkt der Bewegung bilden, hängen mehr oder weniger mit religiösen zusammen. Vom innersten Grunde des deutschen Volksgeistes aus bereitete sich die Umgestaltung vor, die hauptsächlich durch Lessing bewirkt wurde. In ihm hatte sich dieser Volksgeist verkörpert, wie kaum in einem Andern. Die theologischen Kämpfe, die er am Ende seines Lebens hervorgerufen und mit allen Waffen seines kritischen Scharfsinnes und seiner Gelehrsamkeit, mit der vollen Kraft seines dichterischen Geistes und seines edlen Herzens durchgefochten hat, brachten jene Lösung und Klärung, die sein Zeitalter im dunkeln Drange gesucht hatte. Die erste und letzte Frage, die hier in Betracht kommt, bleibt aber diejenige, die er in dem Meisterwerke beantwortete, mit dem