Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1867
- Date
- 1867-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 12)
- Language
- German
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6 daß er mit ihm gemeinschaftlich eine Schrift ausarbeitete, zeugt von dem bedeutenden Einflüsse, den er ihm gestattete und bereitwillig zuerkannte. Mehr aber noch erkennt man aus ihrem Briefwechsel, daß die innigste geistige Gemeinschaft zwischen ihnen herrschte. Auch von Lessing kann man sagen, daß er auf die Stimme des Freundes, wie auf das Urtheil eines Richters achtele. An der fein- und scharfsinnigen Kritik des systematischen Denkers prüfte und berichtigte er manche seiner Ideen, wenn sie plötzlich aus dem tiefen Hintergründe des Geistes mit blendender Gewalt in ihm aufleuchteten. Die Briefe, die er mit Nicolai und Mendelssohn in den Jahren 1756 und 1757 wechselte, enthalten den ersten Keim zur „Dramaturgie" und in gewisser Art auch zum „Laokoon", bei dessen endgiltiger Fassung er überdies das Urtheil und die Ansichten Mendelssohns berücksichtigte. Ebenso ist unzweifelhaft, daß dieser ihn zum liefern Studium der Philosophie angeregt und auch durch seine Schriften ihm neue Grundlagen für seine Untersuchungen geboten hat. Wenn es am Ende seines Lebens den Anschein hatte, daß er, wie F. H. Jacobi andeutete, seine eigentliche philosophische Weltanschauung — und wäre es auch nur aus Schonung — vor ihm verheimlicht habe, so bedarf es nur einer unbefangenen Erwägung der Umstände, um einzusehen, daß dieses keineswegs der Fall war. Lessing, bei dem es so oft von einer augenblicklichen Veranlassung abhing, ob dieser oder jener Gedanke, dieser oder jener Gegenstand aus der großen Fülle seines Wissens und seiner Ideen hervortrat und weiter verfolgt wurde, kam nicht dazu, sich über das System Spinoza's, nachdem er dasselbe gründlicher durchforscht hatte, gegen Mendelssohn gehörig auszusprechen. Aus Jacobi's eigenem Berichte ergibt sich, daß Mendelssohn, wie es unter Freunden — zumal beim Wiedersehen nach längerer Trennung — nicht selten geschieht, auf das Gespräch über den Gegenstand nicht eingehen wollte. Jacobi hingegen hatte gerade dieses Thema sogleich im Voraus signalisirt und während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes bei Lessing festgehalten. Ob bei diesem überhaupt von einem feststehenden metaphysischen Systeme die Rede sein konnte, muß vorläufig dahingestellt bleiben. Auf keinen Fall aber ist es wahrscheinlich, daß er jemals mit derartigen philosophischen Ansichten vor die Oeffentlichkeit getreten wäre, ohne sie zuvor seinem Freunde