Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Volume
- 1865
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 35)
- Language
- German
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31 wir schon bemerkt haben, in der Regel mit natürlicher Gutmüthigkeit verbunden ist. Ganz anders wird die erziehliche Behandlung desjenigen' Kindes sein müssen, dessen Naturanlage wir als Empfindungs tiefe bezeichnet haben. Das charakteristische Merkmal dieses Naturels ist die überwiegende Empfänglichkeit, mit der sich ein Beharren bei den einmal gewonnenen Anschaunngen und Empfindungen verbindet. Die hervortretendsten Erscheinungen, in denen sich dasselbe zu erkennen gibt, sind: das andauernde und feste Schauen des Kindes ans einen bestimmten Gegenstand, das sich öfter schon in früher Kindheit zeigt, das aber mit einem gewissen Ausdruck der Befriedigung verbunden ist, und daher nicht mit dem stumpfen und bewegungslosen Hinstarren auf einen Gegenstand verwechselt werden darf; das träumerische Sinnen, dem sich der Knabe und das Mädchen, oft längere Zeit schweigend hingeben, ohne sich des Inhalts ihrer Träume recht bewußt zu werden; die geringe Neigung zum Sprechen und die noch geringere zum regelmäßig geordneten Thun; aber aych nicht selten das plötzliche Auftauchen lebhafter Gefühle, Wünsche und Entschlüsse oder auch wohl überraschender Gedanken, mit denen sie aus ihren Träumen zu erwachen scheinen. Wir wollen hinzufügen: Zerstreutheit und Vergeßlichkeit, aber auch die schöne Selbstvergesseuheit und Anspruchslosigkeit, die aus dem selbstgenügsamen Versinken ihrer Persönlichkeit in ihre Empfindungen hervorgeht. Ihr Interesse für Dinge und Personen wird ein dauerndes, ihre Anhänglichkeit eine innige sein, doch werden sie dieselbe meist nur Wenigen zuwenden. Aber ihre Aeußerung dieser Empfindungen ist keine lebhafte, und eine schwer zu überwindende Schüchternheit wird sie auch in den reiferen Jahren des Jünglings und der Jungfrau nicht verlassen. Wir haben bemerkt, daß diese Charakterentwickelung meist nur edleren, nicht selten hochbegabten Naturen eigen ist, daß wir die Fehler, die aus niedriger Selbstsucht entspringen, selten bei ihnen zu fürchten haben, dagegen nicht selten unerwartet Talente und Tugenden bei ihnen hervortreten sehen, die sich unter dieser Hülle still und langsam, aber sicher und gesund entwickelt haben. —