Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Volume
- 1865
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9643703-7658386--544-7658408- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
20 — zu befestigen und zu vertiefen. Wir sollten uns jedoch von dem Schein der glänzenden Begabung, mit dem uns diese Frühreife leicht irreführt, in der That nicht täuschen lassen, wenn wir bedenken, daß auf allen Gebieten des organischen Lebens, bei den Pflanzen und Thieren, das langsamere Wachsen und Reifen ein Zeichen der edleren Natur ist, und daß unter allen Geschöpfen der Mensch am spätsten zur Reife gelangt, weil er der höchsten Entwickelung fähig ist. Von dieser Frühreife, die wir in der Regel als Symptom eines oberflächlichen Naturels ansehen müssen, ist freilich das frühzeitige Hervortreten einzelner besonderer Naturanlagen zu unterscheiden, die, wie die musikalische, die dichterische und sogar die mathematische Begabung, zuweilen wunderbar früh sich entwickeln. Aber das ist eben die Gefahr dieser Naturen, daß ihre Entwickelung einige äußere oberflächliche Aehnlichkeit mit der des Genies hat. Ans dieser Selbsttäuschung, der sich der oberflächliche Geist am leichtesten gefangen gibt, weil er nicht aus und über sich hinaus kann, entspringt die Selbstgewißheit und das Selbstgenügen, die eines der sichersten Kennzeichen der Oberflächlichkeit sind. Es tritt bei Knaben und Mädchen in der Form ungenirter Dreistigkeit in ihrem Sprechen und Benehmen hervor, die man bei Kindern nicht genug rühmen und pflegen zu können glaubt und die doch nur aus dem Mangel an Nachdenken und Bedenken über ihr eigenes Reden und Thun entspringt, dessen Werth zu prüfen und mit dem Thun Anderer zu vergleichen sie nicht im Stande oder doch nicht gewöhnt sind. — Als die vollkommenste menschliche Naturanlage dürfen wir wohl diejenige ansehen, in welcher die vorherrschende Selbstthätigkeit sich mit Beharrlichkeit verbindet und die wir als den Charakter der Kraft und Festigkeit bezeichnet haben. Wir nennen sie die vollkommenste Natur, einmal weil das Thun überhaupt eine höhere Stufe der menschlichen Lebensänßerung darstellt, als das Empfangen; denn seine Bestimmung zum sittlichen Wirken in der Gemeinschaft seiner Mitmenschen kann nur auf dieser Stufe verwirklicht werden; und zweitens weil sie weniger einseitig ist als jene; denn das Empfinden, als die erste