Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Volume
- 1865
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 17 (sequence 21)
- Language
- German
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gische Kraft des praktisch strebenden und wirkenden Mannes wird freilich seltener aus dieser Naturanlage hervorgehen. Das still sinnende Mädchen aber gleicht der verschlossenen Knospe, aus der sich die duftende Blüthe der reinsten Weiblichkeit, der sittigen Keuschheit und der selbstverleugnenden Hingabe entfaltet, wie wir ja bereits die edle Empfänglichkeit als den Grundcharakter der weiblichen Natur bezeichnet haben. Darum hüte man sich ja dieses nach innen gekehrte Leben und Empfinden, das zu schüchtern ist, um sich zu äußern, gerade um dieser Schüchternheit willen zu verkennen und geringzuachten und ihm gewaltsam diesen schützenden Schleier abzureißen, hinter dem sich die keusche Natur verschämt entfaltet. Schüchternheit ist eine Zierde, ein natürlicher, ich möchte sagen, nothwendiger Schmuck nicht nur des Mädchens, sondern auch des Knaben. Dreistigkeit, die nicht mit Offenheit und Unbefangenheit verwechselt werden darf, ist unkindlich. Der praktische Vortheil, der durch ihre erzwungene Angewöhnung erzielt wird, muß in der Regel mit dem Verlust des kindlichen Ehrfurchtgefühls und der kindlichen Natürlichkeit erkauft werden. Die stillsinnende Natur des Kindes ist in der Regel verbunden mit Tiefe und Innigkeit des Gemüthslebens. Das Kind, das, auf dem Schooß der Mutter oder zu ihren Füßen sitzend, lange still nach ihr hinblickt, lebt sich mit der ganzen Macht seines Empfindens in ihr Auge, in ihre Seele hinein. Seine Liebe zu ihr ist der reine Abglanz der ihrigen, die es aus ihrem Anblick in sich ausgenommen hat. Der Jüngling, der an der Seite seines Freundes einem Sonnenuntergang von der Höhe eines Berges schweigend zuschaut, fühlt sich von der Größe der Naturerscheinung und von der Gewißheit des harmonischen Mitgefühls im Herzen seines Freundes vielleicht tiefer und mächtiger ergriffen, als derjenige, der in Worte der lauten Bewunderung ausbricht. Nicht minder dürfte man bei Kindern und Erwachsenen von diesem Naturel in der Regel eine gewisse Selbstlosigkeit finden, die ich als eine passive bezeichnen möchte, weil sie ein Selbstv erg essen ist, das sich nicht in der Hingabe für Andere, sondern in dem stillschweigenden Verzichten auf seine Ansprüche an