Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Volume
- 1865
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 16)
- Language
- German
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12 jede Strömung gelenkt und abgelenkt wird, kann leicht als Herzensgute, Wohlwollen und Gemächlichkeit erscheinen, ist aber in Wahrheit immer Leichtsinn und Leichtfertigkeit. Sie hat Sinn für Alles, nimmt Interesse an Allem, hegt Mitgefühl und Wohlwollen gegen Alle. Aber ihr Sinn wird von den Sinnen, ihr Interesse vom Zufall, ihr Mitgefühl von dem Eindruck des Augenblicks geteuft. Die Schwäche als Natnranlage oder als Charakter erscheint als Gutmüthigkeit schon in dem kleinen Kinde, das gegen Jedermann freundlich ist. Aber sein Lächeln ist gewissermaßen nur das Spiegelbild der freundlichen Züge, in die es hinein schaut, sein Ohr gibt sich jeder liebreich klingenden Stimme gefangen, sein Arm streckt sich jedem Arm entgegen, der sich vor ihm ausbreitet. Aber sein Anschanen und sein Empfinden haftet nicht an dem Gegenstände und an der Person, ans die es gerichtet ist. Es gleitet ohne Halt und Wahl vom zärtlichen Auge der Mutter zum freundlichen Blick eines Fremden und kann sich daher nirgends zu der Innigkeit des Gefühls vertiefen, die demselben seinen Werth und seine Däner verleiht. So wird der Knabe und das Mädchen, in denen sich diese Schwäche der Naturanlage weiter entwickelt hat, leicht erregbare Theilnahme oder richtiger Mitempsindung für die Zustände und Gefühle derjenigen zeigen, mit denen sie in unmittelbare Berührung kommen. Sie werden sich mit den Vergnügten freuen, mit den Betrübten und Unglücklichen lebhaftes Mitleid fühlen und vielleicht auch dem hungrigen Knaben ihr Brod, dem Bettler ihren Groschen schenken, mit dem sie sich einen Gennß bereiten wollten. Ihr Auge wird sich leicht mit Thränen füllen, wenn sie Bruder und Schwester oder sonst Jemanden weinen sehen. Sie werden schmerzlich ergriffen sein, wenn sie fühlen, daß sie Vater oder Mutter betrübt oder gekränkt haben. Aber alle diese Empfindungen nehmen so wenig Besitz von ihrer Seele, daß sie eben so leicht und schnell verschwinden, wie sie entstanden sind und im nächsten Augenblick vielleicht von den entgegengesetzten verdrängt werden Und andere Anlässe regen sie eben so schnell zu Zorn und Haß, zu Neid und Mißgunst, zu Uebermnth und Laune an, insbesondere aber zum unbesonnenen Ergreifen jedes Genusses, der sich ihnen darbietet und