Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Volume
- 1865
- Date
- 1865-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 9)
- Language
- German
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5 Kräfte im gesammten Organismus des menschlichen Wesens zu einander stehen, auf dem größeren oder geringeren Uebergewicht, das hier die eine, dort die andere dieser Lebensrichtungen und ihre Entwicklung gewinnt, beruht der unendliche Reichthum verschiedenartiger Individualitäten, in denen sich die Menschennatur entfaltet. Die beiden Hanptseiten des menschlichen Daseins sind: leiden und thnn, empfangen und geben, anfnehmen und schaffen. Zwischen Beiden liegt das Umwandeln der äußern Einwirkungen in inner» Besitz, das Erkennen und Begreifen der Dinge. Das ganze Leben besteht aus dem steten Wechsel und der steten Ausgleichung zwischen diesen beiden Seiten und Richtungen desselben. Es ist kein Moment des Daseins ohne das gleichzeitige Zusammenwirken beider Lebensrichtungen denkbar, denn allezeit sind äußere Einflüsse und Eindrücke auf die momentane Gestaltung unseres Daseins wirksam, und allezeit äußert sich zugleich unser inneres Leben in irgend einer Weise durch Thnn, durch Sprechen, oder auch nur durch den sichtbaren Ausdruck unserer Züge, unsrer Bewegungen. Aber eben so gewiß ist in verschiedenen Momenten bald die eine, bald die andere dieser Lebensthätigkeiten vorherrschend, und dasselbe gilt von den verschiedenen Geschlechtern und Lebensaltern und von verschiedenen Menschen überhaupt, deren Naturanlage sich hauptsächlich iu diesen beiden Richtungen unterscheidet. Man könnte zunächst den spezifischen Unterschied der Kindheit und des reiferen Lebensalters, sowie des weiblichen und des männlichen Geschlechtes darin suchen, daß jene überwiegend leidend und empfangend, diese wirkend und schaffend sind. Das Kind läßt in der ersten Epoche seines Daseins die Natur und Menschenwelt ununterbrochen ans sich wirken, ohne dieser Wirkung durch eine erkennbare Gegenwirkung zu entsprechen. Es öffnet seine Sinne den Eindrücken der Außenwelt, mit denen es nach und nach seine Seele füllt; und erst mit dem ersten Lächeln und Lallen beginnt die Zeit der Rück- und Gegenwirkung, die aber zunächst nicht über die Grenzen der absichtslosen Selbstäußerung hinausgeht. Ingleichem ist offenbar auch die weibliche Natur und ihre Bestimmung mehr ans das Leiden und Empfangen, als auf das Thun und Schaffen gerichtet.