Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Volume
- 1864
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 40)
- Language
- German
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36 verschiedenen sittlichen Naturanlagen, sondern auch des feinsten Taktes in der Behandlung jedes Einzelnen. Und wenn der Lehrer die Trägheit anstachelt und die Unbesonnenheit zügelt, die Muthlosigkeit aufrichtet und den Hochmuth niederhält, das Ehrgefühl schont und die Selbstüberschätzung beschämt; wenn er den Leichtsinn mit väterlichem Ernst vermahnt, den Trotz mit ruhiger Festigkeit bändigt, die Lüge mit zürnender Verachtung straft; ja wenn er dasselbe Vergehen, je nach der Verschiedenheit der Motive und nach der verschiedenen Natur des Individuums verschieden behandelt und bestraft, so muß sein Wort und seine That doch zugleich ein so entschiedenes Gepräge der Gerechtigkeit an sich tragen, daß Niemand ihn der Parteilichkeit, der unbegründeten Sympathie oder Antipathie bezüchtigen kann. — Daß alles das schwer, sehr schwer ist, wollen wir gern zugestehen; daß es aber möglich ist, wird vielleicht Mancher schon erfahren haben, wenn er sich eines Lehrers erinnert, den er besonders verehrt; und eben dessen möge jeder gewiß sein, der den Muth hat, nach diesem Ideal seiner Wirksamkeit zu streben. Freilich ist persönliche Begabung und insbesondere die Fähigkeit, sich in die Charaktere und in die momentanen Vorgänge in der Seele des Kindes hinein zu denken und zu fühlen, ein wesentliches Erforderniß für die Lösung dieser Aufgabe. Freilich ist es auch andrerseits die ganze Persönlichkeit des Lehrers, die ihre gewinnende, überzeugende und beherrschende Macht über die Gemüther der Jugend übt und die sich doch nicht jeder zu geben vermag. Aber dennoch muß und kann Vieles, sehr Vieles durch ernstes Streben und durch fortgesetzte Selbsterziehung des Lehrers gewonnen werden, was auch der Begabteste nicht entbehren und was auch der Minderbegabte sich aneignen kann: Selbstlose Hingabe für den Beruf ohne fühlbaren Anspruch auf Dank und Anerkennung; warmes Wohlwollen ohne Werben um Gegengunst; Ernst und Festigkeit ohne Härte; Milde und Schonung ohne Schwäche; Ruhe und Selbstbeherrschung ohne Kälte; Gerechtigkeit und Konsequenz ohne Pedanterie; sittliche Entrüstung ohne Zorn und Leidenschaft; strafende Strenge ohne Haß und Rache; selbstbewußte Überlegenheit ohne verletzende Mißachtung; männ-