Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Volume
- 1864
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 26)
- Language
- German
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22 3. D«s Bilden und Erziehen. Kein Unterricht erfüllt seine Aufgabe, der nicht zugleich dem Zweck der Gesammt-Bildung und Erziehung des Zöglings dient. Die Schule mag sich neben ihrer bestimmt abgegrenzten Lehrtätigkeit die erziehliche Aufgabe stellen oder nicht, sie kann jene nicht mit Erfolg üben, wenn sie diese von sich weist. Die reichste Fülle von Kenntnissen, die sicherste und gewandteste Handhabung der Methodik setzt den Lehrer nicht in den Stand, eine erfolgreiche Lehrthätigkeit zu üben, wenn er nicht die Kraft besitzt, aus den ganzen Menschen eine geistige und sittliche Wirkung zu üben, die ihm wenigstens für die Zeit seines Unterrichts die nöthige Herrschaft über Geist und Gemüth seiner Zöglinge sichert. — Das sind die Grundsätze, von denen wir bei der bevorstehenden Betrachtung ausgehen, und deren Richtigkeit wohl nicht bezweifelt werden kann, wenn auch über die erziehliche Aufgabe der Schule überhaupt verschiedene Ansichten herrschen mögen. Das ganze Leben des Menschen ist Erziehung, fortgesetzte Entwickelung aller seiner Seelen- und Körperkräfte und seines Charakters. Unsre Zeit, unsre Erlebnisse, unser Umgang, unser eignes Empfinden, Denken und Thun übt diese erziehliche Wirkung auf uns aus. Das Werden des Menschen ist ein ununterbrochen, wenn auch unmerklich fortschreitendes. Mit jeder neugewonnenen innern oder äußern Erfahrung, mit jeder Vermehrung unsres Wissens und Könnens, mit jeder Einwirkung auf unser Gemüth durch Menschen oder Ereignisse, mit jeder Kraftanstrengung, auf welche Zwecke sie auch gerichtet sei, geht eine Veränderung mit uns vor, die nicht diese oder jene Seelen- und Lebenskraft, sondern den ganzen Menschen berührt. Denn das Wesen des Menschen ist ein untheilbares Ganzes und die Sonderung der verschiedenen Seelenkräfte, von der die Philosophen reden, ist eben nur eine philosophische Theorie. Und beim Kinde sollte das anders sein? Wer seinen Lehrerberuf ausschließlich darin sucht, das und jenes dem Kinde zu lehren, ihm diese oder jene Fertigkeit anzueignen, ohne nach einer Einwirkung auf seine