Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Volume
- 1864
- Date
- 1864-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 20)
- Language
- German
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16 künstlerische. Es ist das Seelenverständniß, das den Dichter macht und das daher den: Lehrerberuf seine poetische Weihe und den Reiz eines poetischen Schaffens gibt. Der Lehrer soll den Gegenstand seines Unterrichts zum lebendigen und bleibenden Eigenthum seines Schülers machen. Lebendiger d. h. fruchtbringender Geistesbesitz ist nur der selbsterworbene, bleibendes Geistcseigenthum nur dasjenige, das mit freier Selbstthätigkeit ausgenommen in organischen und unlösbaren Zusammenhang mit dem gesammten Inhalt unsres Bewußtseins getreten ist. Der Lehrer muß daher die Fähigkeit besitzen, durch seinen Unterricht den Schüler zum Selbsterwerben des neuen Wissens anzuregen und anzuleiten, ihn zur Befestigung desselben in seinem Geist durch organische Verknüpfung mit früher erworbenem Geisteseigenthum gelangen zu lassen. Es wird zu diesem Zweck nicht genügen, das Verftändniß des kindlichen Geistes und seines Seelenlebens zu besitzen und sich selbst in sympathische Stimmung mit demselben zu versetzen. Der Lehrer muß auch die Fähigkeit haben, den kindlichen Geist zu heherrschen d. h. nach der seinem Zweck entsprechenden Richtung in Bewegung zu setzen und in derselben zu erhalten. Er muß es verstehen, den Schüler zur Selbstthätigkeit, zum Selbstanschauen und Selbstdenken anzuregen, das Erwerben des neuen Wissens an schon Erworbenes anzuknüpfen — von Bekanntem zu Unbekanntem fortzuschreiten — und seine Aufmerksamkeit an dem Gegenstände des Unterrichts in der Weise sestzuhalten, daß die Reihe der gewonnenen Vorstellungen in sich und mit früher Gelehrtem zu einem untrennbaren Ganzen verbunden, d. h. dem Gedächtniß eingeprägt und in demselben festgehalten wird. Denn Gedächtniß ist nicht etwa eine besondre Geisteskraft oder eine besondrc Kunst, sondern im Wesentlichen das Resultat der Schärfe und Bestimmtheit, mit welcher ein Eindruck, eine Vorstellung, eine Erfahrung aufgenommen wird, der geistigen Concentration, mit welcher man sich derselben bemächtigt und insbesondere der lebendigen Verknüpfung, iu welche mau sie mit bereits gewonnenem geistigen Besitz zu bringen und untrennbar zu verbinden weiß.