Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 59)
- Language
- German
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55 sammenstellt, daß sie ihrem positiven Inhalte nach, oder doch in gewisser Deutung, keine Unwahrheit enthalten, aber doch geeignet und bestimmt sind, den Angeredeten zu täuschen und irre zu führen. Es bedarf daher wohl keiner Bemerkung, daß das Wesen der Lüge, das ja nur in der beabsichtigten Täuschung beruht, dadurch ebensowenig alterirt wird, wie durch die sogenannte reservatio nrelitalls, die nur eine gröbere Form der Selbsttäuschung oder der Beschwichtigung des Gewissens ist. Wir können diese Form der Unwahrheit gegen uns selbst, als sittliche Selbsttäuschung bezeichnen und werden aus der Gewöhnung an dieselbe allmählich die gänzliche Grundsatzlosigkeit hervorgehen sehen, die den Menschen aller Zuverlässigkeit und alles Vertrauens beraubt. Die Unwahrheit des Empfindens, die man vielleicht ästhetische Selbsttäuschung nennen könnte, ergreift allmählig den ganzen Menschen, macht sein äußeres Erscheinen und Gebaren, zu einem unschönen Zerrbild seiner innern Natur und erstickt endlich jedes wahre Empfinden, da dieses alsbald wieder von dem Nebel jener Selbsttäuschung verdunkelt und getrübt wird. Beide Formen der innern Unwahrheit finden sich besonders beim weiblichen Geschlecht, dem jedoch mit dem Verlust seiner Natürlichkeit sein eigenthümlichster Reiz verloren geht, und das dadurch, aller Haltung entbehrend, ein Spielball jeder erwachenden oder vermeintlichen Leidenschaft wird. Die Schutz- und Heilmittel gegen diese weitverbreiteten Uebel sind, gegen die sittliche Selbsttäuschung: die Gewöhnung an unnachsichtige Strenge gegen sich selbst und unverhüllte Benennung jedes Unrechts und Fehlers mit dem Namen, der ihm gebührt; gegen die ästhetische Selbsttäuschung: Einfachheit und Anspruchslosigkeit, die nirgends eine Erhebung des Fühlens und Wollens über die Region zuläßt, in der sich das Kind vermöge seiner geistigen Entwickelung und seiner Ansprüche ans Leben bewegt. Treibhauspflanzen der Erziehung,