Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 52)
- Language
- German
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48 Mißtrauen gegen Kinder zeigen, wenn sie es nicht verschuldet, heißt geradezu ihnen den Freibrief zur Lüge geben. Denn die Verwerflichkeit der Lüge beruht auf nichts Anderem, als auf dem Mißbrauch und der Erschütterung des Vertrauens. Wo dieses aber nicht vorhanden ist, kann es durch die Lüge weder dem Belogenen noch dem Lügner verloren gehen. Dem Mißtrauischen gegenüber hat die Wahrheit ihren Werth und ihre Würde, und daher auch die Unwahrheit ihre Schmach und ihren Flecken verloren. Der Mißtrauische setzt die Lügenhaftigkeit voraus; er wird daher durch die Lüge nicht getäuscht und nicht enttäuscht. Der Glaube, den er nicht gehabt hat, kann nicht erschüttert werden. Der Mißtrauische achtet meine Menschenwürde nicht; er kann nicht fordern, daß ich sie ihm gegenüber achte. Alan kann diese Erfahrung überall im täglichen Leben machen, daß leichtfertige Unachtsamkeit und kränkendes Mißtrauen in gleicher Weise die Unehrlichkeit Hervorrufen, wie offenes und achtbares Vertrauen sie zurückdrüngt. Denn man glaubt dem keine Ehrlichkeit schuldig zu sein, der sie uns nicht zutraut. Das Kind aber fühlt darin noch unbefangener und klarer als der Erwachsene, daß es gegen den mit der Lüge eigentlich kein Unrecht begeht, der an seine Wahrhaftigkeit nicht glaubt. Das Mißtrauen dient aber nicht nur zur Entschuldigung der Lüge; es trägt auch geradezu den Anreiz zu derselben in sich; einmal, weil das gekränkte Ehrgefühl sich gegen diese Kränkung empört und mit der Lüge gleichsam die verdiente Rache zu nehmen meint; dann aber insbesondere, weil es in der menschlichen Natur begründet ist, die Waffe, die gegen uns gerichtet ist, gegen den Angreifer zu kehren, und ihm im Kampf, zu dem er uns herausfordert, unsere Ueberlegenheit zu beweisen. Es reizt unfern Stolz und Ehrgeiz, es ist gleichsam ein geistiger Wettstreit, in den wir eintreten, wenn wir