Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 51)
- Language
- German
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47 als der Ausdruck ihrer Ueberzeugung empfunden werden, daß ihr Kind ihr Bertrauen verdiene. Und wie ein solches Vertrauen seiner Eltern und Erzieher der Stolz des Kindes sein darf und muß, so wird es dasselbe auch ehren und heilig halten und als einen kostbaren Besitz zu wahren suchen. Es schreckt vor der Lüge wie vor einem Frevel zurück, weil es mit derselben nicht nur seine Eltern, sondern auch ihr Bertrauen täuscht; und es muß deutlich fühlen, wie es durch dieselbe seine eigne Würde herabsetzt, die selbst seine Eltern an ihm ehren. Es kann ihm die Verwerflichkeit seiner That nicht entgehen, weil das Herz der Eltern so offen vor ihm liegt, in das es den giftigen Pfeil eindrückt; und es kann seinem offenen und natürlichen Sinn nicht verborgen bleiben, daß es einen um so größeren Raub an seinen Eltern und an sich selbst begeht, je offener und unverhüllter das Vertrauen ist, das sie ihm entgegentragen. — Und wenn ein Kind, das dennoch das Vertrauen mißbraucht und getäuscht hätte, den tiefen Schmerz wahrnühme, den Vater oder Mutter durch diesen Mißbrauch erfahren; wenn es ihm nahe geführt würde, welch schweren Verlust sie durch die Erschütterung dieses Vertrauens erlitten haben, und wie es selbst eine trennende Scheidewand zwischen sich und sie aufgerichtet, indem es sich des Anrechts auf ihren Glauben an seine Zuverlässigkeit verlustig gemacht hat — es müßte die Seele dieses Kindes warlich schon sehr verderbt sein, wenn es nicht die ganze Schwere seines Unrechts empfinden, wenn es sich nicht scheuen sollte, das dennoch wiedergeschenkte Vertrauen abermals zu täuschen. Ja ich kann mir denken, daß sonst unverdorbene Kinder, die ihre Eltern getäuscht haben, und diese, fortgesetzt in dieser Täuschung befangen, ihnen das alte Vertrauen unverändert sortgewähren sehen, sich von einer so tiefen Beschämung ergriffen fühlen, daß sie diesen Zustand nicht ertragen können und ihre Täuschung freiwillig bekennen.