Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9643705-7658027--51-7658075- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
46 Gebot den Menschen überhaupt nicht heilig sei. Das Laster, das wir aus der unmittelbaren Anschauung kennen lernen, hat für das unverdorbene Gemüth neben der Verlockung immer doch zugleich auch etwas Abschreckendes, zumal wenn dem Kinde zugleich Gelegenheit geboten wird, sich von den unlautern Motiven und den verderblichen Folgen desselben zu überzeugen; wogegen die unbestimmte Vorstellung von einem allgemein verbreiteten Laster (und eine solche ist für die Lüge das Mißtrauen) der Phantasie eine viel gefährlichere Nahrung gibt, und derselben, wo die Verlockung eintritt, die Selbstentschuldigung mit der Allgemeinheit das Laster wesentlich erleichtert. Als die kräftigste Stütze der Wahrhaftigkeit im Gemüthe des Kindes, muß ich aber das Vertrauen bezeichnen, das diesem selbst gewährt wird. Laß es Deine Kinder fühlen, daß Du ihnen Glauben und Vertrauen fchenkst, und Du wirst sie am leichtesten und sichersten in der Wahrhaftigteit erhalten, ja Du wirst sie vielleicht zu derselben zurückführen, wenn sie nicht ganz verderbt sind, oder sich nicht schon allzuweit von ihrem Wege verirrt haben. Zeige hingegen Deinen Kindern unverdientes Mißtrauen, und Du wirst Dir nicht nur ihr Herz entfremden, sondern sie zur Lüge gegen Dich und Andre anreizen. — Man verwechsle dieses bewußte und ehrende Vertrauen, auf das jedes unverdorbene Kind einen wohlbegründeten Anspruch hat, und das mit einer sorgsamen Beobachtung und Ueberwachung desselben sehr wohl vereinbar ist, ja nicht mit leichtfertiger Nichtbeachtung seines Thuns, oder gar mit dem absichtlichen Uebersehen seiner Fehler, mit dem man die gleiche Leichtfertigkeit und Achtlosigkeit der Kinder gegen seine Erzieher, wie gegen sich nährt, und also auch leicht den Anlaß zur Unwahrheit und Lügenhaftigkeit gibt. Das Vertrauen, von dem wir sprechen, muß von dem Kinde als Zeugniß des elterlichen Glaubens an seine Wahrhaftigkeit,