Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9643705-7658027--24-7658048- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
19 — Die Lügenhaftigkeit schreitet so zur zweiten Stufe ihrer Entfaltung, zur vorbedachten Lüge fort, deren Zweck wohl noch derselbe ist: Abwendung eines selbstverschuldeten Nebels (Straflosigkeit für ein begangenes Unrecht), die aber in ihren Motiven sittlich verwerflicher und in ihren Folgen verderblicher ist; jenes weil der Milderungsgrund der vermeintlichen Noth wegfällt, dieses, weil sie nicht gegen die Folgen des begangenen, sondern des noch zu begehenden Unrechts gerichtet ist und daher den Weg zum Laster ebnet und das Hemmniß der Furcht vor demselben hinwegrüumt. Hier tritt allmählig jenes Abschwächen und Erlöschen der natürlichen Scheu vor der Lüge hervor, das endlich zur unverschämten Frechheit ausartet und jene verderbliche Herrschaft über die natürliche Selbstäußerung des innern Menschen, die endlich zur gänzlichen Verzerrung der Natur oder zu einer nichtssagenden Stumpfheit im sittlicher: Empfinden führt. Von hier ist für die Lügenhaftigkeit nur noch ein kleiner Schritt zu derjenigen Lüge, das überhaupt nicht mehr die Abwehr einer drohenden Gefahr, sondern die Erzielung eines unerlaubten Vortheils zum Zweck hat, und daher zugleich auf die Benachtheiligung Anderer gerichtet ist. Hier befinden wir uns schon auf dem Boden der Uebervortheilung und des Betrugs, der Heuchelei und der Berläumdung und haben demnach die Lügenhaftigkeit von ihren ersten fast unwillkührlichen Anfängen bis zu ihrer häßlichsten Gestaltung vorschreiten sehen. Nachdem wir nun das Wesen der Lüge und die in demselben begründete Verwerflichkeit darzulegen versucht, und uns die Verderblichkeit der Folgen vergegenwärtigt, die sie, abgesehen von ihren Zwecken, für den Lügner, wie für den Belogenen und für den sittlichen Verband der Menschheit überhaupt nothwendig nach sich zieht; nachdem wir ferner unsere Aufmerksamkeit auf den Ursprung und die Quellen der Lüge und auf die psychologischen Vorgänge gerichtet haben, deren 2*