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Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde · 1860-01-01 · 1860 · p. Seite 18

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Journal
Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
Volume
1860
Date
1860-01-01
Page
Seite 18 (sequence 22)
Language
German
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IRI
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18 ist nicht selten, daß achtbare Männer sich der unwahren Uebertreibung, die sie in ihren Erzählungen anzuwenden sich nicht scheuen, so wenig bewußt sind, daß sie mit wahrhafter Entrüstung einem Lügner gegenübertreten, der sich in bewußter verwerflicher Absicht der Unwahrheit bedient. Wenn wir nun den allmähligen Fortschritt von der ersten Lüge, deren Ursprung wir darzustellen versuchten, zur Lügenhaftigkeit beobachten, so werden uns verschiedene Stufen und Stadien dieses Weges nicht entgehen. — Die erste Lüge ist das Produkt der Schaam, des Schreckens und der Furcht; der Schaam vor dem Selbstbekenntniß des begangenen Unrechts, des Schreckens über die unerwartete Entdeckung und der Furcht vor den drohenden Folgen. Es ist also in derselben durchaus nichts Vorbedachtes; kein Zweck, der durch die Lüge erreicht werden soll, sondern nur das hastige Ergreifen einer nahen Hilfe, die sich in einer plötzlichen Gefahr darbietet. Das Erröthen oder Erbleichen, das diesen Fehltritt begleitet, läßt uns in Zweifel, ob es von der Schaam über die Schuld hervorgerufen wird, welche die Lüge verdecken soll, oder in dem Widerstreben der unverdorbenen Natur gegen die Verleugnung der Natur. Die Lügenhaftigkeit bleibt auf dieser ersten Stufe stehen, so lange sie nur zur Abwehr eines verschuldeten Uebels dient und dem Augenblick der drohenden Gefahr ihre Geburt verdankt. Aber auch in diesem Stadium verliert sich mit der zunehmenden Gewöhnung das verrätherische Erröthen der Schaam und das fühlbare Erbleichen des Schreckens, wie das schüchterne Stocken der Stimme, die der widernatürlichen Forderung ihren Dienst versagt. Das wiederholte Gelingen der versuchten Täuschung erhöht den Muth und die Zuversicht; die Gewöhnung stumpft das innere Widerstreben ab und die Straflosigkeit für das begangene Unrecht läßt dieses selbst als unbedenklicher erscheinen und reizt zu seiner wiederholten Uebung.

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