Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9643705-7658027--21-7658045- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
16 Von der ersten Lüge bis zur Lügenhaftigkeit ist noch ein weiter Weg. Wir wiederholen es: die Lügenhaftigkeit ist nicht ein Laster in dem Sinne, daß sie das Produkt einer Leidenschaft sei, die zur Lüge als solcher treibt. Denn die Lüge ist niemals Selbstzweck,«-sondern immer nur das Mittel zur Erreichung von Zwecken, die sehr verschiedener Natur sein können und daher kann sie wohl zur Gewohnheit, aber nie zur Leidenschaft werden. Lügenhaftigkeit ist vielmehr nur die Gewöhnung an den Gebrauch dieses Mittels, so oft es für die meist verwerflichen Zwecke des Lügners brauchbar erscheint, oder vielmehr die allmählige Entwöhnung von der natürlichen und angebornen Scheu vor demselben, das Erlöschen der Schaam vor dem bewußten Widerspruch des Menschen mit sich selbst, und endlich das Hinschwinden des natürlichen Einklangs zwischen den Aeußerungen des Menschen und den Vorgängen seines Innern. Lügenhaftigkeit ist daher, entweder mit einer stumpfen Gedankenlosigkeit und Unempfindlichkeit für die natürlichen Regungen und Kundgebungen des Gemüths verbunden, die meist das Produkt einer überwiegenden Sinnlichkeit ist, oder mit frecher Unverschämtheit, die sich gegen die Mahnungen des eigenen Gemüths wie gegen äußere Einwirkungen auf dasselbe abgehärtet hat. Der Mangel an Schaamgefühl wird auch da bemerkbar sein, wo sich die Lügenhaftigkeit als das Produkt jener stumpfen Unempfindlichkeit zu erkennen gibt; nur daß sie hier den Charakter der Schaamlosigkeit, dort den der Unverschämtheit an sich trägt. Lügenhaftigkeit ist ebensosehr auch allezeit Unnatur, aber wieder mit dem Unterschiede, daß die stumpfe Unempfindlichkeit gar nicht zu einem vollen Bewußtsein der eigenen Natur kommt, die sich ihren wahrhaften Ausdruck schaffen will und daher sich auch des Widerspruchs nicht bewußt wird, in dem ihre Aeußerungen mit derselben stehen; die freche Lügenhaftigkeit aber die angeborne Natur des Menschen allmählig in ihr