Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 18)
- Language
- German
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lichkeit ihrer Wirkungen ist unvermeidlich, in welcher Gestalt sie auch immer erscheinen, welchen Zwecken sie auch immer dienen möge. Denn es ist ihr Wesen, das Vertrauen, das sie mißbraucht, zu erschüttern und die Herzen einander zu entfremden durch den Mißbrauch des Mittels, das sie zu verbinden bestimmt ist. Wenn aber die Unnatürlichkeit, die Verwerflichkeit und Verderblichkeit der Lüge so einleuchtend und wenn die Lüge, wie wir wohl ohne Widerspruch behaupten können, nicht das Produkt einer menschlichen Leidenschaft ist, die uns trotz des drohenden Verderbens immer wieder zu sich verlockt — woher stammt ihre so allgemeine Verbreitung, wo ist die Quelle zu suchen, aus der diese verderbliche Pest entspringt? Die Quelle der Lüge ist nach meiner Ueberzeugung keine andere als die Furcht vor einem selbstverschuldeten Uebel. — Die Bibel, die mit so wunderbarer psychologischer Wahrheit uns die Geschichte der menschlichen Kindheit erzählt, gibt dafür eben so vollgiltiges Zeugniß, wie wir es aus der Geschichte jedes einzelnen Kindes zu schöpfen vermögen. Furcht vor dem wohlverdienten Unwillen des göttlichen Vaters legt dem ersten Menschen das erste Wort der Unwahrheit in den Mund; und ich möchte behaupten, daß jede erste Lüge des Kindes aus derselben Quelle entspringt. Aber es ist wohl darauf zu achten, nicht Furcht vor jedem drohenden Uebel, sondern nur vor dem selbstverschuldeten, insbesondere vor dem Uebel, das in Folge der Selbstverschuldung als Strafe droht, führt zur ersten Lüge. Es ist daher schwer zu entscheiden, ob in der Seele des Kindes, denn nur von diesem wollen und können wir uns über den Ursprung der Lüge belehren lassen, mehr die Schaam über das begangene Unrecht und das Widerstreben gegen das Bekenntniß desselben, oder die Furcht vor der drohenden Strafe den Antrieb zur Lüge bildet. Das erstere Motiv würde ein edleres, aber gefährlicheres sein, da es mit der versuchten