Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9643705-7658027--17-7658041- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 und an die Menschheit schmerzlich sein muß; ja wie ihn der einmal erwachte Zweifel ungerecht machen kann, indem er ihm verletzendes Mißtrauen gegen Diejenigen einflößt, die es nicht um ihn verdient haben. Dem Lügner aber können wir nichts Besseres wünschen, als daß seine Lüge bald und unentfliehbar entdeckt werde. Der Verlust, den er sich dadurch bereitet, ist schwer und schmerzlich, aber er ist nicht so groß wie die Gefahr, mit der ihn die gelungene Täuschung auf den Weg des Unrechts und der fortschreitenden Selbstentwürdigung führt. Die schwerste Schuld und Verantwortlichkeit aber, die der Lügner auf sich ladet, liegt in den unberechenbaren aber unausbleiblichen Folgen, die jede Lüge in ihrer fortwirkenden Untergrabung des menschlichen Vertrauens überhaupt in sich trägt, und die wir in dem Vorhergehenden bereits angedeutet haben. Denn der Belogene wie der Lügner verlieren durch dieselbe das angeborne Vertrauen zur Wahrhaftigkeit ihrer Mitmenschen, und der Wahrheitsliebende muß die Verschuldung des Lügners mit demselben büßen, als ob er sein Mitschuldiger wäre. Der Frevel und die Verderblichkeit der Lüge tritt in ihrer ganzen Größe vor unser Auge, wenn wir ihre Wirkungen von dieser Seite betrachten. Warum weint und verzweifelt dieser Arme, der sich endlich entschlossen hat, sein bittres Weh dem wohlthätigen Menschenfreunde zu offenbaren, von dessen Schwelle sonst kein Hilfeflehender ohne Trost und Beistand zurückkehrte? Er büßt die Schuld jenes heuchlerischen Betrügers, der das Herz des edlen Mannes mit lügenhaften Täuschungen trübte und es nun gegen die Versicherungen der Wahrhaftigkeit mißtrauisch und unempfänglich machte. — Warum ist mein Freund, der mir sonst sein ganzes Herz erschlossen, plötzlich so zurückhaltend, so kalt und gleichgiltig gegen mich? Es schmerzt mich tief, aber ich verzeih es ihm. Er ist von Einem, den er für seinen