Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 15)
- Language
- German
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11 Denn wem darf er noch glauben, wenn die Lüge den Schein der Wahrheit annimmt; wenn ihn sein vieljähriger Diener, sein vertrauter Freund, vielleicht sein eignes Kind getäuscht hat? Wer kann ermessen, wie oft er schon in ähnlicher Weise getäuscht worden ist, ohne es zu entdecken und zu ahnen? Schmerzliche Befangenheit und verwirrende Zweifel ziehen in seine Seele ein; sein Herz verschließt sich den natürlichen Regungen des vertrauenvollen Entgegenkommens, das Bild der Menschenwürde, das er in seinem Gemüthe trug, ist befleckt und verdunkelt. Und der entdeckte Lügner? Vielleicht ist die Entdeckung mit ihren Folgen glücklicherweise noch der rechtzeitige Warner vor der Verfolgung des Weges, den er betreten. Vielleicht! viel öfter wird er sich durch den Versuch neuer Lügen vor den Folgen dieser Entdeckung und vor den Folgen der Schuld zu retten suchen, die ihn zur ersten Lüge getrieben hat. Gewiß aber wird auch er einen Verlust zu beklagen haben, den er schwerlich wieder zu ersetzen vermag: den selbstverschuldeten Verlust des ersten und unentbehrlichsten Rechts, mit dem der Mensch an den Menschen herantritt, des Anrechts an das Vertrauen seiner Mitmenschen. Der Mißbrauch des Vertrauens rächt sich unwiderruflich an dem Schuldigen wie an dem Unschuldigen. Bei Diesem zieht es sich scheu in die innerste Kammer seines Herzens zurück, nicht wissend, auf wessen Ruf es noch antworten soll; gegen Jenen richtet es seinen Warnungsruf an die öffentliche Meinung, daß er es. nirgends mehr findet, wo er sein bedarf, und daß er selbst im eignen Herzen vergebens danach sucht, wo er glücklich wäre es zu finden. Fast möchten wir jedem Belogenen wünschen, daß ihn ein gütiges Geschick mit der Entdeckung der Täuschung verschone, deren Gegenstand er geworden; denn selten wird ihm der fortgesetzte Jrrthum so verderblich sein, wie ihm die Trübung und Verkümmerung seines Glaubens an die Menschen