Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 14)
- Language
- German
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10 begangenen Unrechts in den Mund legte. Die gelungene Lüge und die vorübergehende Straflosigkeit ist der gefährlichste Führer auf dem Wege des vorbedachten Unrechts. — Und noch eine verderbliche Wirkung der gelungenen Lüge auf sich selbst muß der Lügner tragen, nemlich den Verlust seines Vertrauens zur Wahrhaftigkeit seiner Mitmenschen. Denn es ist ein unentfliehbares Gesetz der menschlichen Natur, daß sich in der Beurtheilung Anderer der eigene Charakter widerspiegelt, und daß der Schuldige, in der Absicht sich vor sich selbst zu rechtfertigen, seinen eignen Fehler auch bei seinen Mitmenschen voraussetzt. Daher wird der Lügner, der das Vertrauen Anderer mißbraucht, nothwendig auch von Mißtrauen gegen Andre erfüllt werden. Und wenn nun die für einen Augenblick gelungene Lüge entdeckt wird, so entspringt aus ihrer vergifteten Quelle eine neue Reihe verderblicher Folgen für den Lügner wie für den Belogenen. Denn dieser wird zwar von seinem Jrrthum befreit; aber er wird sich nun erst der Folgen bewußt, die dieser für ihn und durch ihn vielleicht für Andre gehabt hat, und ist in den meisten Fällen nicht mehr im Stande dieselben wieder gut zu machen. Er fühlt sich mit einer Schuld belastet, ohne sich einer Schuld bewußt zu sein; und er kann sich des beschämenden Gefühls nicht erwehren, das blinde und willenlose Werkzeug einer erbärmlichen Täuschung gewesen zu sein. Diese den natürlichen Stolz verletzende Beschämung tritt sogar ein, wenn wir nur der Gegenstand eines vermeintlich harmlosen Scherzes gewesen sind; und nicht selten wird sie die Ursache zur zornigen Zurückweisung solcher Scherze, ja zürn Bruch eines vielleicht vieljährigen Freundschaftsverhältnisses. Aber die entdeckte Lüge greift noch viel tiefer in das Gemüth des Belogener: ein. Sie raubt seinem Herzen ein unschätzbares und unersetzliches Gut: den Besitz des unbefangenen Vertrauens in die Wahrhaftigkeit seiner Mitmenschen.