Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am stattfindenden öffentlichen Prüfung der Volks- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1860
- Date
- 1860-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 12)
- Language
- German
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8 seine eigne Natur und gegen die Natur und ihr Gesetz überhaupt. Kant will als sittlich berechtigt nur dasjenige gelten lassen, was zum Grundsatz gemacht, zum allgemeinen Gesetz der Menschheit erhoben werden könnte und sollte. Man stelle sich nur einen Augenblick die Lüge als sittlich berechtigt, und in dieser Berechtigung anerkannt, als allgemeines Gesetz der Menschheit vor, und man wird damit die Auflösung aller sittlichen Bande ausgesprochen finden, die Menschen mit Menschen verknüpfen; man wird das Vernichtungsurtheil über jede Art und jedes Mittel des menschlichen Verkehrs darin enthalten sehen; man wird das Menschenantlitz seiner Schönheit und Würde, die menschliche Stimme ihres Zaubers und das menschliche Wort seiner einenden Kraft beraubt haben. Die Lüge ist die offenste Empörung gegen das unzweideutigste Gesetz Gottes und der Natur. Denn dies Gesetz will, daß jede Regung des Geistes und des Gemüthes sich zugleich nach Außen kund gebe und eben dadurch nach Außen wirke. Die Lüge zerreißt diesen natürlichen Zusammenhang zwischen Körper und Seele und schändet den Körper, den sie aus einem lebendigen Bilde der Seele zum todten Werkzeug derselben herabwürdigt. Das Wesen der Lüge ist also der Widerspruch des Menschen gegen Gott und gegen die Natur, gegen sich selbst und gegen die Menschheit. Darin liegt die Verwerflichkeit ihres Wesens, gleichviel welches ihr Zweck sei; und wenn wir nun die Verderblichkeit ihrer Wirkungen kennen lernen wollen, so wird sich uns dieselbe leicht offenbaren, wenn wir die Consequenzen verfolgen, die aus diesem Wesen der Lüge mit Nothwendigkeit hervorgehen. Wie die Verwerflichkeit der Lüge auf dem Mißbrauch des Vertrauens beruht, das dem Menschen gegen den Menschen und dessen Aeußerungen eingepflanzt ist, so ist ihre verderbliche Wirkung vor Allem in der Verkümmerung