Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Volume
- 1858
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 16)
- Language
- German
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12 Darum hüte man /ich auch in diesem immer noch zarten Lebensalter viel von Religion zu reden, Religion zu unterrichten oder gar lernen, memoriren zu laffen. Religion kann nur empfunden, angeschaut, gelebt, aber nicht gelernt werden. Der Erzieher wird daher seinen Zögling auf indirektem Wege zur Religion führen; und das wird er erreichen, wenn er ihn aus dem Mittelpunkt des menschlichen Gebiets allmählig zum Göttlichen leitet. Er möge also seine Anschauung nicht mehr wie bisher auf das Sinnlichfaßbare im einzelnen Gegenstand beschränken, sondern jene Unendlichkeit der Beziehungen vor dem Blick des Kindes zu erschließen beginnen, durch die auch das kleinste Wesen uns in die Sphäre der religiösen Erkenntniß, der religiösen Bewunderung einführt; er wird ihm für Momente den Schleier der Unendlichkeit lüften, die ihn zur Ahnung des Unendlichen führt. Er wird ihn für seine Freuden und feine Schmerzen nach den Ursachen suchen lassen, die ihm einen ahnungsvollen Zusammenhang seines eigenen Lebens mit dem Schicksal seiner Mitmenschen, mit den Vorgängen in der Natur, mit der fernen Vergangenheit und der fernen Zukunft erkennen laffen, daß er in alledem den einen großen Gedanken des Weltenlenkers zu ahnen beginne. Er wird seine Seele darauf hinlenken zu begreifen, wie sein ganzes Leben ein ewiges Empfangen von Gütern und Genüssen ist, die er nicht sich selbst verdankt; und wie daher auch all sein Thun von dem Streben geleitet sein müsse, einen Theil der großen Schuld abzutragen, zu der sich jeder Einzelne bekennen muß; und er wird in dieser Weise ahnen lernen, daß sein eignes Schaffen und Walten nur als freier Antheil an dem Schaffen und Wirken der Menschheit von Werth sei, daß aber die ganze Menschheit eine Aufgabe zu erfüllen und zu lösen habe, die ihr von einem höheren Willen vorgeschrieben ist, und daß dieser höchste Wille Allen sein Gesetz und jedem Einzelnen seine Pflicht vorgezeichnet habe. — Es gehen diese Vorstellungen keineswegs über das Begriffsvermögen des Kindes hinaus, wenn auch die Form, in der es sie erfaßt, eine ganz andere sein wird. Im Gegentheil keimen sie von selbst im kindlichen Gemüth und