Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Bürger- und Real-Schule der Israel. Gemeinde
- Volume
- 1857
- Date
- 1857-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 28)
- Language
- German
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28 reit Gestalt, all unsere Fehler und Vergehen in einem verhüllenden Nebel von Entschuldigungen und Rechtfertigungen erscheinen läßt. Darum gewöhne deinen Zögling so frühe und so ernst du es kannst, sich und sein Thun mit Unbefangenheit, mit Wahrhaftigkeit und Strenge zu beurtheilen. Du wirst diesen Zweck schwerlich erreichen, wenn du ihn etwa frühzeitig zu allgemeinen Reflektierten über seinen Charakter oder über einzelne Eigenthümlichkeiten seines Wesens anhälft. Aber es wird minder schwer sein, ihn an dieses objeetive und strenge Selbsturtheil über seine Arbeiten zu gewöhnen, und eben so über seine einzelnen Handlungen ihn selbst zum Richter zu machen. In beiden Beziehungen mache ihm gerechte aber unerbittliche Wahrheit und Strenge gegen sich selbst zur unerläßlichen Pflicht. Lehre ihn die Brille der Selbstbewunderung von seinen Augen reißen, die ihn an seinen Werken nur Vortreffliches finden läßt und das Kunstgewebe der Sophiftik weit von sich werfen, die ihm jedes begangene Unrecht in einen Schleier der Beschönigung hüllt. Beginne mit dem Einfachsten und Leichtesten. Laß ihn selbst den unschönen Strich in seinen Buchstaben, die falsche Form in seiner Uebersetzung, den unrichtigen Gedanken in seinem Aufsatz finden; leite ihn dann einmal zur Erkenntniß und zur Anerkennung eines offenbaren Unrechtes, das er begangen und laß ihn so allmählig auch die unlauteren Motive seiner Handlungsweise erkennen, die er sich selbst bisher nicht gestanden hat, wenn ihn etwa Neid und Mißgunst zur Anklage gegen seinen überlegenen Mitschüler, Trotz und Eigensinn zur Mißdeutung der Absichten seiner Lehrer oder gar seiner Eltern, Rechthaberei und Leidenschaft zur Kränkung seines Freundes führte. — Laß nicht ab von ihm bis er für sein Vergehen und seinen Fehler das rechte Wort gefunden und ausgesprochen hat, denn mit Worten versucht man sich zuerst gegen sich selbst abzufinden. Und wer sich nur verschrieben oder versprochen hat, wenn er gegen die Grammatik gesündigt, wer seine Arbeit nur vergessen hat, wenn er zu träge war, sie anzufertigen, der hat