Einladungsschrift zu der auf den ... festgesetzten öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der auf den ... festgesetzten öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1855
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 14)
- Language
- German
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10 fast allesammt. In denselben Formen erzogen, verlangt man von ihnen, daß sie nur diejenigen Eigenschaften sichtbar werden lassen, die durchaus nothwendig sind zu jenem Alltagslob, das man so leicht einer Person ertheilen kann, die man versorgen muß. Man spricht von ihrer Figur, noch mehr von ihrem Vermögen, rühmt ihre Talente, ihr bescheidenes Wesen, das oft in nichts weiter als in einem affectirten vorgeschriebenen Stillschweigen besteht und übergibt sie dann einem Manne, der sie nicht kennt, während sie wahrscheinlich sich selbst nicht kennt. Was ist die Folge? Unthättg bis zur Verheirathung, nur mit ungenügenden Vorschriften versehen, treten sie plötzlich in ein thätiges und bewegtes Leben, das sie berauscht und die Zurückhaltendsten verwirrt, und sie glauben, ihre eigenen Gebieterinnen zu werden, in dem Momente, wo sie die bedeutungsvollste Verbindung eingehen. Und dennoch ist es sehr nothwendig, daß sie im voraus wüßten, daß der Stand der Gattin, als Preis für die Freuden und die Würde, die er verschafft, große Opfer der Unabhängigkeit fordert. Es ist daher von der höchsten Wichtigkeit, daß wir uns bemühen, frühzeitig in unseren Töchtern jene Begriffe von Recht und Unrecht, die wir in uns tragen, zu entwickeln. Die Kenntniß der Pflichten ist eine Folge von der Anwendung der Vernunft und kann nur nach und nach erlangt werden. Es ist heilsam daß das Kind schon wisse, daß jeder Mensch Pflichten auf dieser Erde zu erfüllen hat. Das menschliche Leben ist eine Mission. Aus diese Vorstellung sollte die Aufmersamkeit des Kindes ohne Zögern gerichtet werden, da dieselbe ein nützlicher Sporn oder ein wirksamer Trost für uns wird, sie verleihet uns Kraft gegen die Wechselfälle des Lebens und veredelt dessen scheinbare Nichtigkeiten. Aber die Refleqion wird eher durch Beispeile, die man ihnen gibt, als durch Worte angeregt. Es ist ein Jrrthum, wenn viele Mütter glauben daß Worte das beste Mittel seien auf die Kinder zu wirken. Die Worte, die man an sie richtet,