Einladungsschrift zu der auf den ... festgesetzten öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Journal
- Einladungsschrift zu der auf den ... festgesetzten öffentlichen Prüfung der Bürger- und Realschule der Israelitischen Gemeinde
- Volume
- 1855
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 13)
- Language
- German
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D Grundsätzen vor, und indem sie ihren Töchtern verschreiben, was sie zu thun haben, bedienen sie sich mehr des Ausdruckes: ihr müßt — was sich nicht an die Vernunft richtet — als des Wortes: ihr sollt — was nur von dieser begriffen werden kann. Da die Moral der guten Gesellschaft, diel m für das Weib auf die Nothwendigkeit beschränkt, das zu sein was man in der Welt angesehen nennt, dasjenige ist, womit wir den Verstand unsrer Töchter vorherrschend beschäftigen, so hat es zur Folge, daß sie größere Aufmerksamkeit auf das wenden, was sie scheinen, als auf das, was sie sein sollen. Da es indessen oft geschieht, daß die glücklichen Erfolge, die man in der Welt verlangt, selbst diejenigen, auf die wir einen Werth legen müssen, mehr die Wirkung eines gewandten, als eines tugendhaften Benehmens sind, so werden viele Mütter bemerken, daß sie, in dem Glauben ihre Töchter nur mit Tugend und Religion unterhalten zu haben, nach vieler Sorgfalt und Ueberwachung sie dennoch nur in jener Feinheit belehrt, die man Lebensklugheit nennt, oder ihnen höchstens eine Sammlung gewisser, für eine kleine Zahl von Situationen im Weltleben passender Maximen beigebracht haben. Die Moral der Welt führt die Gewissen dahin, sich daraus keinen Vorwurf zu machen, was unbekannt ist oder nicht laut mißbilligt wird; die wahre, einzige Moral ist die, welche auf alle Lagen des Lebens anwendbar ist. Eine einsichtsvolle und aufmerksame Mutter muß, statt jeden Augenblick nur ihre Autorttät geltend zu machen, es sich angelegen sein lassen, in ihrer Tochter beständig das Nachdenken rege zu erhalten, dieses Leben der Seele, das gleich dem Leben des Körpers gestärkt werden muß, und sie wird in dieser Absicht sich nicht damit begnügen durch Zwang zu erlangen, daß das, was dieselbe thut, rechtgethan werde, sondern Bedenklichkeiten hervorzurufen, das Nachdenken zu leiten suchen, sie wird eine gewisse Freiheit in der Erziehung walten lassen, damit die Tochter frühzeitig lerne, von ihren natürlichen Gaben Gebrauch zu machen. Wie die Sache jetzt steht, gleichen sich bis zum achtzehnten Jahre unsere Töchter